10
tmng umstürzen, den Kaiser abschaffen und die reichen Leute ausplündern.
Dann geht das große Juchhe los, bis alles durchgebracht ist. Na, ich glaube
selber, Vater übertreibt da; aber etwas wird schon dran sein. Wenn heute
geteilt wird, ist morgen die alte Geschichte, nur daß jetzt andere Leute reich
sind, als die es früher waren. Aber dazwischen wäre eine Revolution mit
Mord und Brand, mit all dem Jammer urrd Elend."
„So was Aehnliches hat unlängst auch der Werkführcr bei uns gesagt.
Da ist aber Max wütend geworden. „Wie oft," hat er geschrien, „soll man
es euch noch sagen, daß wir gar nicht teilen wollen, daß wir gerade wollen,
alles soll allen gemeinsam gehören. Heute ist alles unter die Reichen ver
teilt irnd die Armen haben fast gar nichts. Ihr teilt, nicht wir." Es war
ent Glück, daß Max zum Verein der Metallarbeiter gehört, sonst wäre er
hinausgeflogen für seine Keckheit; aber mit denen bindet der Werkführer
nicht gern an. Ganz habe ich freilich auch nicht verstanden, was er ge
meint hat."
„Siehst du, das ist es eben," erwiderte nun der Größere in über
legenem und lehrhaftem Tone. „Die meisten Arbeiter verstehen selber nicht
recht, warum sie für die Roten sind. Wenn man nicht auf diese unverständ
lichen Phrasen hört, sondern sich das wirkliche Leben betrachtet, dann sieht
man, daß die Sozialdemokraten das Kleingewerbe,^ den gesunden Mittel
stand, ruinieren, daß sie den Landarbeiter in die Stadt locken, wo er mir
unglücklich wird, daß sie überall Unzufriedenheit und Unfrieden stiften, kurz,
daß sie auf den Umsturz ausgehen. Was sie wollen, das ist ein unmöglicher
Unsinn, und wie sie es durchführen wollen, das ist gar schlecht und dumm.
Werden die Arbeiter vielleicht glücklicher sein, wenn die Sozi die Familie
zerstört haben, wenn alle Ordnung aufgehört hat und jeder nur nimmt,
so viel er erwischen kann? Die unverständlichen Redereien der Agitatoren
verführen die Arbeiter nur zum Ungliick. Ein Blick ins wirkliche Leben
zeigt dies sofort."
„Glauben Sie das wirklich?" mischte ich mich nun in das Gespräch,
dem ich mit wachsendem Interesse gefolgt war. Zum Schluß hatte aller
dings der Größere von den beiden Jungen gesprochen, wie wenn er eine
eingelernte Lektion hersagte. Man merkte, daß er das, was^ er da her
betete, oft und oft mußte gehört haben. „Glauben Sie das wirklich," sagte
ich also, „daß so die Lehren des wirklichen Lebens aussehen? Das haben
Sie gewiß noch nicht selbst ausprobiert. Ich höre es Ihnen an, daß Sic
da nur was Eingelerntes hersagen."
Im ersten Augenblick waren die beiden jungen Leute erschrocken und
auch unwillig, daß sich ein Fremder, von dessen Anwesenheit sie gar keine
^lotiz genommen hqtten, in ihr Gespräch mischte. Bald aber war es mir
gelungen, mir ihr Vertrauen zu erwerben, und nun sprachen wir weiter
über die Fragen, über die sie eben gestritten hatten; binnen kurzem waren
wir gute Bekannte geworden. Der Kleinere von den beiden war jugend
licher Hilfsarbeiter in einer Maschinenfabrik, der Größere war Handlungs
lehrling in einem Kleiderkonsektionsgeschäft. Sie hatten schon als Kinder
viel zusammen gespielt und waren in dieselbe Schulklasse gegangen, und so
hatte sich die warme Freundschaft erhalten, auch als sich ihre Lebenswege
trennten. In ihren Anschauungen gingen sie freilich oft recht weit ausein
ander, da jeder von ihnen stark von der häuslichen Umgebung checinflußt
war. Wilhelm, der künftige Kommis, war der Sohn eines Schutzmannes,
Karl der eines Arbeiters. Es war daher nur natürlich, daß ihre Eltern