Full text: Kapitalismus und Sozialismus

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tmng umstürzen, den Kaiser abschaffen und die reichen Leute ausplündern. 
Dann geht das große Juchhe los, bis alles durchgebracht ist. Na, ich glaube 
selber, Vater übertreibt da; aber etwas wird schon dran sein. Wenn heute 
geteilt wird, ist morgen die alte Geschichte, nur daß jetzt andere Leute reich 
sind, als die es früher waren. Aber dazwischen wäre eine Revolution mit 
Mord und Brand, mit all dem Jammer urrd Elend." 
„So was Aehnliches hat unlängst auch der Werkführcr bei uns gesagt. 
Da ist aber Max wütend geworden. „Wie oft," hat er geschrien, „soll man 
es euch noch sagen, daß wir gar nicht teilen wollen, daß wir gerade wollen, 
alles soll allen gemeinsam gehören. Heute ist alles unter die Reichen ver 
teilt irnd die Armen haben fast gar nichts. Ihr teilt, nicht wir." Es war 
ent Glück, daß Max zum Verein der Metallarbeiter gehört, sonst wäre er 
hinausgeflogen für seine Keckheit; aber mit denen bindet der Werkführer 
nicht gern an. Ganz habe ich freilich auch nicht verstanden, was er ge 
meint hat." 
„Siehst du, das ist es eben," erwiderte nun der Größere in über 
legenem und lehrhaftem Tone. „Die meisten Arbeiter verstehen selber nicht 
recht, warum sie für die Roten sind. Wenn man nicht auf diese unverständ 
lichen Phrasen hört, sondern sich das wirkliche Leben betrachtet, dann sieht 
man, daß die Sozialdemokraten das Kleingewerbe,^ den gesunden Mittel 
stand, ruinieren, daß sie den Landarbeiter in die Stadt locken, wo er mir 
unglücklich wird, daß sie überall Unzufriedenheit und Unfrieden stiften, kurz, 
daß sie auf den Umsturz ausgehen. Was sie wollen, das ist ein unmöglicher 
Unsinn, und wie sie es durchführen wollen, das ist gar schlecht und dumm. 
Werden die Arbeiter vielleicht glücklicher sein, wenn die Sozi die Familie 
zerstört haben, wenn alle Ordnung aufgehört hat und jeder nur nimmt, 
so viel er erwischen kann? Die unverständlichen Redereien der Agitatoren 
verführen die Arbeiter nur zum Ungliick. Ein Blick ins wirkliche Leben 
zeigt dies sofort." 
„Glauben Sie das wirklich?" mischte ich mich nun in das Gespräch, 
dem ich mit wachsendem Interesse gefolgt war. Zum Schluß hatte aller 
dings der Größere von den beiden Jungen gesprochen, wie wenn er eine 
eingelernte Lektion hersagte. Man merkte, daß er das, was^ er da her 
betete, oft und oft mußte gehört haben. „Glauben Sie das wirklich," sagte 
ich also, „daß so die Lehren des wirklichen Lebens aussehen? Das haben 
Sie gewiß noch nicht selbst ausprobiert. Ich höre es Ihnen an, daß Sic 
da nur was Eingelerntes hersagen." 
Im ersten Augenblick waren die beiden jungen Leute erschrocken und 
auch unwillig, daß sich ein Fremder, von dessen Anwesenheit sie gar keine 
^lotiz genommen hqtten, in ihr Gespräch mischte. Bald aber war es mir 
gelungen, mir ihr Vertrauen zu erwerben, und nun sprachen wir weiter 
über die Fragen, über die sie eben gestritten hatten; binnen kurzem waren 
wir gute Bekannte geworden. Der Kleinere von den beiden war jugend 
licher Hilfsarbeiter in einer Maschinenfabrik, der Größere war Handlungs 
lehrling in einem Kleiderkonsektionsgeschäft. Sie hatten schon als Kinder 
viel zusammen gespielt und waren in dieselbe Schulklasse gegangen, und so 
hatte sich die warme Freundschaft erhalten, auch als sich ihre Lebenswege 
trennten. In ihren Anschauungen gingen sie freilich oft recht weit ausein 
ander, da jeder von ihnen stark von der häuslichen Umgebung checinflußt 
war. Wilhelm, der künftige Kommis, war der Sohn eines Schutzmannes, 
Karl der eines Arbeiters. Es war daher nur natürlich, daß ihre Eltern
	        
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