Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

43 
wurde, finden wir folgende Tatsachen über die Anwesenheit minder 
jähriger Prostituierten in den Bordellen Sachsens gebucht: 
Ueber die Prostitutionsverhältnisse Annabergs berichtete der 
Bezirksarzt Medizinalrat Dr. Stichler an die Verfasserin der 
„Denkschrift". Als „persönliche Bemerkung" finden wir die folgenden 
sehr charakteristischen Sätze in die „Denkschrift" eingetragen: 
„Dem Inhaber des Bordells ist zurzeit nachgelassen worden, 
auch Minderjährige mindestens über 18 Jahre in sein Haus 
aufzunehmen, wenn diese den Nachweis bringen, daß deren Eltern 
bezw. Vormünder gegen den Aufenthalt in öffentlichen Häusern 
Einwendungen nicht erheben." 
In Crimmitschau stehen sechs Mädchen in der Dirnenliste. Von 
17 Jahren an werden Mädchen in die Liste eingetragen. 
In Reichenbach i. V. prostituieren sich sieben Mädchen in zwei 
Bordellen. Es werden dort Mädchen vom vollendeten 16. Jahre 
eingeschrieben. Als berichtenden Arzt nennt die „Denkschrift" den 
Polizeiarzt Dr. Zucker. 
Gelingt den Polizeiverwaltungen nun mit der Tolerierung der 
Bordelle der beabsichtigte Zweck, den ganzen Prostitutionsverkehr 
aus der Öffentlichkeit hinauszurücken und in die Bordelle zu ver 
legen ? Keineswegs! 
Mit der Gestattung der Bordelle öffnet sie aber einem noch 
größeren sozialen Uebel als der gewöhnlichen Prostitution Tür und 
Tor: dem Mädchenhandel. Die Existenz der Bordelle hat einen 
häufigen Austausch der Mädchen zwischen den Bordellen und ein 
starkes Anwerben von jungen Mädchen für die Bordelle zur Folge. 
Ein Gutachten der königl. Polizeidirektion zu Dresden „betreffend 
das Für und Wider der Genehmigung von Bordellen" vom Jahre 
1888 unterstrich schon kräftig die Tatsache, daß Dresden mit seinen 
Bordellen das erste Stadium für das sich in Böhmen massenhaft 
vorfindende für Deutschland bestimmte Prosnrutionsmaterial sei. 
„Die Polizeibehörden sind," so heißt es in diesem Gutachten, „diesem 
Menschenhandel gegenüber, der eben nur im Interesse der öffent 
lichen Häuser geschieht, ziemlich machtlos." 
Gerade nach den Ländern eines blühenden Bordellwesens fluten 
jahraus jahrein die „Collis" mit frischer Menschenware. Argen 
tinien verschlingt alljährlich ganze Hekatomben von weißen Skla 
vinnen. Der Mädchenhandel wird, wie Dr. O. Henne am Rhyn in 
seiner Schrift: „Prostitution und Mädchenhandel" berichtet, in 
Buenos Aires mit einer solchen Schamlosigkeit betrieben, die der 
Polizei offen Hohn spricht. Die Gefangenen der Bordelle werden 
um Preise verhandelt, die in Argentinien für „mittlere" Ware aus 
120 bis 150, für „bessere" aber auf 200 bis 250 Pfund Sterling 
steigen. „Sie werden jeder Kontrolle entzogen, bei Nachforschungen 
in Schränken, Kisten und geheimen Gemächern versteckt oder über die 
Dächer zu Spießgesellen geschleppt, sogar in Fällen syphilitischer Er 
krankungen zum fortgesetzten Dienst der Venus gezwungen, bei
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.