Full text : Die Methoden der Volkszählung, mit besonderer Berücksichtigung der im preussischen Staate angewandten

(Schmelzgefässen)  à  2—3  Centner  Masseninhalt;  in  den  Steinkohlenglashütten ­
  hingegen  findet  man  Schmelzöfen  mit  10  bis
12  Hafen  à  8-10  Centner  Masseninhalt.  So  bedeutet  also  ein
Schmelzofen  jener  Art  eine  Production  von  c.  20  Centner  p.
Schmelze,  ein  Schmelzofen  dieser  Art  eine  solche  von  c.  100
Centner.  Dazu  kommt,  dass  man  in  jenen  langsamer  schmilzt,
im  Monat  vielleicht  lGmal,  während  man  in  diesen  gewöhnlich
24  Schmelzen  bereiten  und  ausarbeiten  lassen  kann.  Die
monatliche  Production  ist  also  für  einen  Holzglasofen  c.  320
Centner,  für  einen  Steinkohlenglasofen  möglicherweise  2  400
Centner.  Und  doch  figuriren  beide  in  der  Gewerbestatistik  als
Dinge  ganz  gleicher  Art.  Aehnliches  ist  von  den  Mahlgängen  in
Mühlen  zu  sagen.  Die  Tabellen  legen  ein  Gewicht  darauf,  zu
wissen,  ob  eine  Windmühle  eine  holländische  oder  eine  Bockwindmühle ­
  sei,  also  ob  man  blos  das  Dach  oder  den  ganzen
Körper  nach  dem  Winde  richtet;  sie  übergehen  aber  ganz,  ob
einem  Mahlgange  eine  Mahlkraft  von  monatlich  c.  300  oder
1  200  Scheffeln  beiwohnt.  So  gross  können  nämlich  die  Unterschiede ­
  der  Vermahlungsfähigkeit  zwischen  deutschen  und
amerikanischen  Gängen  mit  Steinen  grosser  Durchmesser  sein.
Ausser  den  Mühlen  giebt  es  nun  auch  noch  eine  grosse  Menge  anderer ­
  mit  Wasserkraft  getriebener  Anstalten.  Der  motorischen
Kraft  in  diesen  ist  in  den  alten  so  wenig  wie  in  den  neuen
Tabellen  eine  Beachtung  geschenkt.  Hiergegen  wird  der
Dampfkraft  verdiente  Aufmerksamkeit  gewidmet,  dabei  aber
auch  wieder  nicht  dem  Umstande  ,  ob  dieselbe  blos  supplementär ­
  oder  als  alleinige  Triebkraft  wirkt.
Diese  Kritik  liesse  sich  noch  sehr  weit  fortsetzen.  Doch
schon  obige  wenigen  Beispiele  dürften  beweisen,  dass  der
Werth  der  neuen  zollvereinsländischen  Gewerbe-  und  Handelsstatistik, ­
  auch  wenn  sie  später  in  noch  so  gelungener  Ausführung ­
  vorliegt,  dennoch  vom  Standpunkte  der  Bevölkerungsstatistik ­
  aus  ein  ziemlich  eingeschränkter  ist,  und  dass  es  eine
ziemlich  verlorene  Mühe  ist,  die  gegenwärtigen  preussischen
Tabellen  zu  Gunsten  der  doch  ebenfalls  noch  sehr  mangelhaften ­
  neuen  zollvereinsländischen  aufzugeben  und  total  umzugestalten. ­

Es  möchte  durch  vorstehende  Erörterungen  unzweifelhaft
bewiesen  sein,  dass  nur  die  Frage  nach  dem  Umfange  der
Production  Licht  in  die  vielen  Unklarheiten  und  Dunkelheiten
der  gewöhnlichen  Industriestatistik  zu  bringen  vermag.  Will
man  eine  solche  Frage  nicht  an  alle  Industrielle  stellen,  so
muss  man,  wie  schon  erwähnt,  durch  Monographien  dem  Ziele
näher  zu  kommen  suchen.  Für  die  richtige  Beurtheilung
der  industriellen  Verhältnisse  ist  sie  aber  unerlässlich.  Ohne
die  Kenntniss  des  Umfangs  der  Production  ist  die  Frage  nach
den  Betriebsmitteln  ziemlich  bedeutungslos.  Man  wird  sich
sogar  der  Kenntniss  der  letzteren  ganz  entschlagen  können,
lind  sicher  eben  so  sehr  das  Richtige  über  die  Grösse  einer
Industrie  treffen,  wenn  man  einfach  die  Zahl  der  Producenten
in  einem  Geschäftszweige  mit  einem  der  Wirklichkeit  mehr
oder  minder  entsprechenden  Mittelwerthe  ihrer  Productionskraft
  multiplicirt.
Hat  man  dagegen  alle  drei  für  eine  Industriestatistik  im
weitesten  Sinne  des  Worts  nöthigen  Momente  in  Erfahrung  gebracht, ­
  d.  h.  die  Sitze  der  Industrie  und  ihre  Zahl,  ihre  lebendigen ­
  und  todten  Kräfte,  ihre  Production  oder  mit  anderen
Worten:  Natur,  Arbeit,  Capital  und  Absatz,  dann  allerdings  kann
man  an  die  Ausarbeitung  einer  solchen  gehen.  Es  wird  dann
freilich  besser  nicht  in  einer  unendlich  langen  fortlaufenden
Tabelle  zu  geschehen  haben,  sondern  in  Tabellen,  die  nach
den  verschiedenen  gewerblichen  Hauptgruppen  getheilt  sind,
so  dass  die  Industriezweige  einzeln  zur  Beurtheilung  und  Würdigung ­
  vorgeführt  werden.
Uebrigens  unterliegt  es  keinem  Zweifel,  dass  die  Ermittelung ­
  des  Erwerbs  und  Vermögens  der  Bewohner  des
Staats,  mithin  der  ganzen  Nation,  eine  der  wichtigsten  und
nothwendigsten,  wenn  auch  schwierigsten  Aufgaben  der  Statistik ­
  ist.  So  weit  sich  die  Zustände  dieser  Art  an  der  Steuerkraft ­
  der  Einzelnen  messen  lassen,  mögen  wohl  die  Listen  der
Steuerbehörden  Auskunft  über  Fortschritt  oder  Rückschritt  des
Wohlstandes  geben.  Allein  die  Steuerkraft  ist  und  bleibt  ein
sehr  trügliches  und  höchst  einseitiges  Merkmal.  Eine  durch
Steuerdruck  entstehende  höhere  Steuereinnahme  ist  noch  lange
keine  Vermehrung  der  Steuerkraft  des  Nationalvermögens,  ja
möglicherweise  ist  sie  sogar  das  Gegentheil.  Nur  das  ist
Wohlstand,  wenn  sämmtliche  Lebensbedingungen  nach  und
nach  reichlicher  und  allgemeiner  werden,  und  Nahrung  und
Kleidung,  Wohnung,  Heizung  und  Beleuchtung,  Erziehung  und
Unterricht,  Gesundheit,  Rechtsschutz  und  Sicherheit  des  Lebens
und  Eigenthums,  Erholung  und  Vergnügen  einer  immer  grösseren ­
  Zahl  von  Bewohnern  in  hinlänglicher  Fülle  zuTheil  wird.  Wie
anders  lässt  sich  aber  der  statistische  Beweis,  ja  der  thatsächliche
Beweis  für  das  Wachsthum  des  Wohlstandes  überhaupt  führen,
als  durch  den  Nachweis,  dass  die  Production  dieser  Bedingungen

in  einem  noch  stärkeren  Wachsen  begriffen  ist,  als  die  Zahl
der  Bevölkerung  des  betreffenden  Staats?  Löst  die  Statistik
gerade  nach  dieser  Richtung  hin  ihre  Aufgabe  mit  Umsicht
und  Scharfsinn,  so  kann  sie  selbst  der  Finanzpolitik  und  dem
Staate  die  nützlichsten  Dienste  leisten.  Es  liegt  ohnehin  in
der  Natur  ihres  Wesens,  dass  die  Finanzverwaltung  sehr  von
dem  kaufmännischen  Grundsätze  der  Specialrentabilität  ihrer
Branchen  erfüllt  ist.  Jede  Postroute,  jede  Telegraphen-  oder
Eisenbahnlinie  etc.  soll  sich  selbst  übertragen,  während  es  das
allgemeine  Interesse  nur  erheischt,  dass  durch  solche  Mittel
der  Wohlstand  im  Allgemeinen  gefördert  werde.  So  lange
man  freilich  das  Wachsthum  des  allgemeinen  Wohlstandes
nicht  messen  kann,  wird  jener  Grundsatz  der  Specialrentabilität
immer  an  die  Spitze  zu  stellen  sein  und  das  Uebergewicht
behaupten.
Erwerb  und  Besitz  sind  Symptome  des  positiven  Vermögens, ­
  Schulden  aber  bekunden  anscheinend  das  Gegentheil.
Für  die  gefährlichsten  der  Schulden  hält  man  die  auf  dem
Grundbesitze  haftenden,  wenn  sie  eine  gewisse  Quote  seines
Werths  überschreiten.  Es  ist  zwar  nur  höchst  vereinzelt  eine  bestimmte ­
  Kenntniss  darüber  vorhanden,  wie  gross  der  Werth  des
Grundbesitzes  und  wie  hoch  er  verschuldet  ist.  Gleichwohl  ist  das
dringende  und  allgemeine  Verlangen  auf  Erschaffung  von  Instituten ­
  gerichtet,  welche  den  Grundbesitzern  eine  angemessene
Erhöhung  der  Verschuldung  möglich  machen.  Eine  Menge
von  Gründen  spricht  dafür,  dass  wirklich  ein  solches  Bedürfnis ­
  vorhanden  sei.  Wäre  es  aber  nicht  gut,  anstatt  sich  hierüber ­
  in  vagen  Vermuthungen  zu  bewegen,  positive  Gewissheit
dafür  einzutauschen,  Gewissheit  nicht  blos  über  einzelne,  willkührlich
  aus  der  Masse  herausgegriffene  Verhältnisse,  sondern
über  die  analogen  Verhältnisse  des  ganzen  Staats.  Sie  sind  mit
einem  Schlage  zu  gewinnen,  wenn  durch  die  Volkszählung  von
Besitzung  zu  Besitzung  der  Werth  derselben  und  ihre  Realverschuldung ­
  durch  zwei  Fragen  erhoben  wird.  Die  Frage  über
den  Werth  ist  bereits  schon  bei  einer  allgemeinen  Volkszählung ­
  im  Königreiche  Sachsen  gestellt  und  ausreichend  gut
beantwortet  worden.  Die  Frage  über  die  Verschuldung  hat
zuerst  Braunschweig  für  sein  ganzes  Land  gelöst.  Indess  die
Verbindung  beider  Fragen  lässt  noch  viel  richtigere  Resultate
erwarten,  als  sie  aus  Sachsen  und  Braunschweig  vorliegen.
Werden  sie  in  Zukunft  regelmässig  gestellt,  so  wird  man  mit
leichter  Mühe  erkennen,  welche  Glücks-  oder  Unglücksstadien
einer  der  wichtigsten  Träger  des  Staats,  der  Grundbesitz,
durchläuft.
Für  die  Handelsstatistik  gilt  nahezu  dasselbe,  was
über  die  Industriestatistik  vorgebracht  wurde.  Nur  kommt  hier
noch  hinzu,  dass  eine  Handelsstatistik  gleichzeitig  die  Richtung
der  Handelsbewegung  zur  Anschauung  bringen  muss.  Hierüber ­
  geben  die  preussischen  Tabellen  aber  keine  Auskunft,
ebenso  wenig  die  neuen  des  Zollvereins.  Es  ist  auch  äusserst
schwierig,  ja  fast  unmöglich,  hierüber  ausreichende  Daten  bei
Gelegenheit  einer  Volkszählung  zu  gewinnen,  denn  es  widerspricht
der  inneren  Natur  eines  Census,  der  doch  nur  eine  Inventur  im
eigentlichsten  Sinne  des  Worts,  also  eine  Aufzeichnung  des
Bestands  in  einem  gewissen  Zeitmoment  ist,  zugleich  ein  bewegliches, ­
  aus  —  der  Zeit  nach  —  verschiedenen  Vorgängen  zusammengesetztes ­
  Conto  zu  sein.  Kann  der  Census  nun  aber
auch  nicht  ein  Conto  sein,  so  hindert  doch  nichts,  dass  er
sich  den  Contenbewegungen  thunlichst  anschliesse,  und  Das
geschieht,  wenn  bei  der  Volkszählung  auf  die  einzelnen
Handelszweige  und  die  Absatzrichtungen  Rücksicht  genommen
wird.  Ersteres  beabsichtigte  der  ursprüngliche  Entwurf  der
neuen  Zollvereinstabellen.  Leider  sind  aber  die  zu  jenem  Zwecke
aufgenommenen  Unterscheidungen  in  dem  nun  definitiv  festgestellten ­
  gestrichen  worden.  Damit  sind  denn  auch  die  kindlichsten ­
  Anfänge  einer  Handelsstatistik  Preussens  so  gut  wie  beseitigt. ­
  Auf  die  Dauer  ist  die  statistische  Ignorirung  eines  so
wichtigen  Factors  des  wirtschaftlichen  Lebens  nicht  fortzustellen.
Der  Statistik  des  Verkehrs  wird  dadurch  einige  Beachtung ­
  geschenkt,  dass  die  preussischen  Tabellen,  wie  auch
die  neuen  des  Zollvereins,  bei  der  See-  und  Flussschifffahrt
die  Zahl  der  Schiffe  und  ihre  Tragfähigkeit,  bei  dem  Landtransporte ­
  die  Betriebsmittel  der  Eisenbahnen  und  die  Zahl
der  Fuhrleute  und  Knechte  zu  erheben  beabsichtigen.  Dergleichen ­
  sporadische  amtliche,  mit  einer  Volkszählung  in  Verbindung ­
  gesetzte  Erhebungen  sind  eigentlich  überflüssig,  indem
die  Thateachen,  die  durch  sie  in  Erfahrung  gebracht  werden
sollen,  auf  anderen  Wegen  viel  besser,  vollständiger  und  rascher
zur  öffentlichen  Kenntniss  kommen.  Es  kann  zum  Beweise
dessen,  was  die  Eisenbahnstatistik  anlangt,  auf  die  vorzüglichen
Publicationen  des  Handelsministeriums  verwiesen  werden.
8)  Wie  die  Kenntniss  des  Berufs  und  der  Beschäftigung  das
Richtmass  für  die  Beurtheilung  der  wirthschaftlichen  Bedeutung
einer  Bevölkerung  ist,  ebenso  ist  das  Arbeits-  und  Dienst-
            
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