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II. Teil. ArBeiterwohlfahrtspolitik.
Ersuchen des Ministers der öffentlichen Arbeiten seitens der österr.
Privatbahnverwaltungen ist das auch wiederholt geschehen. Dabei
hat das Bestreben obgewaltet, von vornherein mit der Verwendung
der in den Etats vorgesehenen Mittel in den Zeiten, in denen die In
dustrie ohnehin genügend zu tun hat, zurückzuhalten, um in Zeiten
unzulänglicher Beschäftigung desto reichlicher davon Gebrauch zu
machen. Weiterhin haben die staatlichen Forst-, Wasserbau-, Wege
bau- und ähnliche Verwaltungen sich bemüht, die von ihnen zu be
wirkenden größeren Arbeiten möglichst in Zeiten zu verlegen, in denen
viel Arbeitskräfte in der Privatindustrie frei werden. Wo die Straßen
bauten von den kommunalen Selbstverwaltungskörpern zu bestreiten
sind, hat der Staat auch wohl zu einem solchen Vorgehen durch Bei
steuerung eines Teiles der Kosten anzuregen gesucht. In Ungarn
hat im Winter 1900/1901 der Handelsminister einen Kredit von
400 000 Kronen beantragt zur Herstellung von Straßenbauten in den von
einem Notstand bedrohten Komitaten, von denen die Kosten nicht über
nommen werden konnten.
Die Gemeinden ihrerseits haben sich der Aufgabe ebenfalls in
beträchtlichem Umfange gewidmet. In Frankreich sind nach den Er
hebungen des Office du Travail in der Zeit von 1890—1895 von 114 Ge
meinden Notstandsarbeiten mit einem Aufwande von 4 903 750Frs. (jährlich
im Durchschnitt 980750 Frs.) unternommen worden; außerdem haben
41 Städte lediglich Straßenreinigungsarbeiten zur Beschäftigung der
Arbeitslosen benutzt. 1896 bis 1898 haben 187 Gemeinden 3255 500 Frs.
im Jahresdurchschnitt 1 085167 Frs.) für Notstandsarbeiten ausgegeben,
1899: 59 Gemeinden 1675182 Frs., 1900: 69 Gemeinden 1666652 Frs.
Der gezahlte Lohn war 18 Centimes für 1 Stunde und 1 '/2—ID/2 Frs. für
1 Tag. In den von der Weinkrisis betroffenen Departements ist laut
Gesetz vom 5. März 1902 den Gemeinden für 2 Jahre das Recht ge
geben, mit bloßer Genehmigung des Präfekten Anleihen bis zu 2 Frs.
für den Kopf der Bevölkerung zur Ausführung kommunaler Arbeiten
für die Beschäftigungslosen aufzunehmen. Auch in den Vereinigten
Staaten von Amerika, in Australien, in England und anderen Ländern
sind die Notstandsarbeiten ausgebildet worden.
In Deutschland haben nach dem Statistischen Jahrbuch deutscher
Städte im Winter 1894/5:14, 1895/6: 8, 1896/7: 9, 1897/98: 7, 1898/99: 6,
1899/1900: 5, 1900/01: 13, 1901/02: 28 größere Städte Notstandsarbeiten
übernommen, und zwar Erdarbeiten, Steinschlagen, Straßenanlagen,
Straßenreinigen, Schneeschaufeln und ähnliche, eine besondere Vor
bildung nicht erfordernde Arbeiten. Nur vereinzelt kommen auch
Arbeiten vor, die für schwächere oder für besser vorgebildete Arbeiter
mehr geeignet sind, als die genannten, z. B. Auslesen von Kaffee und
Gummi, Strohflechten, Schreibarbeiten usw. Die angeführten Zahlen