Viertes Kapitel.
Die geistig-sittlichen Motive.
Ehe wir uns dem Kernpunkt unseres eigentlichen Themas
zuwenden, erscheint es doch unvermeidlich, den geistig-sitt
lichen Ursachen der Abolition, die oft für die einzigen ge
halten werden, eine kurze Betrachtung zu widmen. Gerade
den heutigen materialisierenden Neigungen gegenüber ist es
angebracht, bei jeder wirtschaftspolitischen Untersuchung
grofser Streitfragen die gewaltige, durch nichts zu ersetzende
Macht der sittlichen Ideen nicht zu vergessen. Auf sie sei
darum hier mit allem Nachdruck hingewiesen. Die später an
geführten materiellen Erklärungen wären unzureichend und
zusammenhanglos, wenn nicht jene ideellen Einflüsse zu Rate
gezogen würden.
Es liegt auf der Hand und ist durch keine noch so eingehende
wirtschaftliche Untersuchung in Zweifel zu ziehen, dais die
Abschaffung des Sklavenhandels ebenso wie der Sklaverei
ihren letzten Grund in der gewaltigen geistigen Erhebung
Europas im 18. Jahrhundert zu suchen hat, welche die reli
giöse und persönliche Freiheit jedes Menschen zur Aner
kennung brachte. Es ist das Gefühl der Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit aller Menschen, der demokratische Gedanke,
„das Streben nach freier, der Autorität entrückter Selbst
bestimmung“ (v. Waltershausen, S. 1(35/7), die unausrottbaren
Forderungen der Moral, die von alters her bis zum Sozialismus
unserer Tage in tüchtigen Rassen immer wieder auftauchen,
„wenn es gilt, eine an Besitz, Bildung und Fähigkeiten niedrige
Menschenklasse gegen die an Geist, Kraft und Reichtum über
legenen zu schützen“. Gerade in der Abolitionsfrage offen
bart sich die unbesiegliche Kraft jener Ideen, welche scliliefslich
in der französischen Revolution von 1789 ihren gewaltsamen
Ausdruck fanden und die Umwälzung der europäischen und
amerikanischen Staatenwelt herbeiführten. Die Aufhebung
der absoluten Monarchie, der Sondervorrechte des Adels und