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Grundbegriffe der Wirtschaft.
Das 23 e ö ü r f n t s ist keine rein individuelle Erscheinung, viel,
mehr im großen Maßstabe historisch und gesellschaftlich bebingt,
was allerdings seine Stärke keineswegs vermindert. Die Frage
der Entstehung der Bedürfnisse- kommt für die wirtschaftslehre
nicht direkt in Betracht; das ist Sache der j)ftchologie und der
Aulturgeschichte; Wohl aber ist von der größten Bedeutung für
sie die Intensität des Bedürfnisses. Das kommt fo=
tDofil in Betracht für die verschiedenen Bedürfnisse wie für sedes
einzelne Bedürfnis in seinen verschiedeneir Stadien. Man hat
vielfache Versuche gemacht, eine' Rangordnung der Bedürfnisse
aufzustellen. Die ursprünglichste Scheidung ist die in Existenz-
und Aulturbedürfnisse, wobei allerdings die Grenze
zwischen beiden ständig fließt. Im allgemeinen wachst der Kreis
derjenigen Dinge, deren Besitz als ein Eristenzbedürsnis emp
funden wird; man denke nur an die Zeitung oder an das Bade
zimmer. Doch kann, wie die Entbehrungen unserer Soldaten im
Felde und selbst die erzwungene Einschränkung der Lebenshaltung
für die nichtkämpfende Bevölkerung gezeigt haben, manches, was
bisher als unentbehrlich schien, wieder zum Luxus für wenige
werden. Eine Bedürfnisskala hat Brentano aufgestellt, wobei er
mit der Lebensunterhaltung- beginnt und über eine Reihe anderer
Bedürfnisse, wie Anerkennung, Fürsorge für Wohlbefinden nach
dem Tode, mit -der Bildung schließt. Wie man sieht, ist eine
solche Skala recht subjektiv.
Jedes einzelne Bedürfnis ist, sofern es gesund ist, in seiner
Aufnahmefähigkeit begrenzt; der erste Schluck wein ist für den
Verdurstenden eine Labsal sondergleichen, weitere sind angenehm,
noch weitere lassen gleichgültig, bis zum Schluß das Trinken gänz
lich unmöglich erscheint. Dieses Gesetz d er mitdemGrade
der Sättigung abnehmenden B e d ü r f n i s inten
sitätist klassisch von dem Rheinländer G o s s e n im Jahre 1834
formuliert worden; es bildet den Ausgangspunkt der Kernlehre
der wiener Schule.
Dabei handelt es sich um folgendes: Die Mittel zur Bedürfnis
befriedigung sind teils in der Natur, teils im Menschen selbst vor
handen. von ersteren kommen nur solche als Gegenstand der
Wirtschaft in Betracht, die der menschlichen Verfügungsgewalt
unterworfen sind; man nennt sie Güter. Lin Teil dieser Güter
sind unbeschränkt vorhanden, wie etwa in primitiven Verhält
nissen zumeist basr Wasser, wie in Neuländern der Grund und