Full text : Antike Wirtschaftsgeschichte

56  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
Leben  zuwendeten,  von  Habgier  und  Sucht  nach  Luxus  erfaßt
wurden,  während  früher  ein  prächtiges  Auftreten  in  militärischem
Sinne  überwog.  Daß  sich  Sparta  den  anderen  Staaten  gegenüber
so  lange  überlegen  zeigte,  hing  mit  der  straffen  Disziplin  zusammen
sowie  mit  der  großen  Ausdehnung  seines  zusammenhängenden  Gebietes, ­
  das  alle  andern  Staaten  Griechenlands  an  Flächeninhalt
übertraf.
Weder  die  vorgeschrittenen  industriellen  und  kommerziellen
Staatswesen  wie  Athen  noch  die  konservativen  agrarischen  wie
z.  B.  Sparta  gelangten  dazu,  eine  Staatsordnung  zu  begründen,
die  den  Forderungen  der  Bevölkerung  so  weit  entsprochen  hätte,
daß  mehr  oder  weniger  gewaltsame  Umsturzversuche  vermieden
worden  wären.  In  der  Antike,  besonders  in  Griechenland  war
zeitweilig  der  Umsturz  eine  selbstverständliche  Sache,  und  der  Ruf
nach  Neuverteilung  des  Grundeigentums  oder  nach  Schuldennachlaß ­
  war  nicht  so  selten  wie  etwa  in  unserer  modernen  Entwicklung.
Der  Gedanke,  daß  man  eine  Wirtschaftsordnung  von  heute  auf
morgen  ändern  könne,  mußte  in  vielen  um  so  leichter  Platz  greifen,
als  die  Bevölkerung  meist  ohne  sonderliche  Schwierigkeiten  den
staatlichen  Apparat  übersah  und  sich  eine  geänderte  Situation
wohl  ausmalen  konnte.  Die  zahlreichen  politischen  Kämpfe  in  den
griechischen  Stadtstaaten,  die  weit  häufiger  als  Bürgerkriege  denn
als  Revolutionen  zu  bezeichnen  wären,  da  die  beiden  beteiligten
Parteien  in  ähnlicher  Weise  einen  Teil  der  Souveränität  innehatten, ­
  wurden  häufig  durch  wirtschaftliche  Motive  hervorgerufen.
Dies  führte  antike  Theoretiker  dazu,  anzunehmen,  daß  alle
Aufstände  auf  ökonomischer  Basis  beruhten,  was  von  anderen  bestritten ­
  wurde  (Aristoteles,  Politik,  ed.  Susem.  II,  4).  Doch  obgleich ­
  die  Tendenz  zu  einer  Neuregelung  der  Wirtschaftsordnung
vorhanden  war,  wurde  die  Demokratie  in  vielen  Staaten,  so  z.  B.
in  Athen  nur  auf  politischem  Gebiet  durchgeführt.  Der  Kontrast
zwischen  der  wirtschaftlichen  und  der  politischen  Ordnung  scheint
vielen  Demokraten  damals  nur  ebenso  verschwommen  zum  Bewußtsein ­
  gekommen  zu  sein  wie  so  zahlreichen  Anhängern  der
großen  französischen  Revolution  und  der  von  1848.  Alle  hatten
schließlich  auf  dem  Gebiete  der  Gesetzgebung,  der  Verwaltung  und
der  Rechtsprechung  die  gleichen  Rechte,  und  die  wichtigsten  Beamtenstellen ­
  wurden  sogar  unter  den  Berechtigten  ausgelost.  Daß
es  dabei  zu  keiner  wirtschaftlichen  Neuordnung  in  großem  Stile
kam,  hing  nicht  etwa  mit  einer  besonderen  Achtung  vor  dem  Eigen-
            
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