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das Werk einer sonderbar gestimmten, nie wiederkehrenden Betätigung
menschlicher Charaktere. Die Gestalt ist in beiden Fällen einzig
(„historisch"): aber „Stoffe" und „Kräfte" setzen wir im einen Falle
als ewig gleiche, im andern Falle ebenfalls als historisch, das heißt
in dieser Zusammensetzung einzig gegebene. Man vergleiche zur Übung:
Preisbildung und Verbrennung! Schwerkraft und Gewinnstreben!
Diese Unterschiedlichkeit des Objektes bedingt nun aber unmittel
bar den wie mir scheint bei weitem wichtigsten Unterschied zwischen
Naturwissenschaft und MenschenwissenschafU die grundverschiedene Art
dessen, was wir „erkennen" nennen.
Die Natur erkennen heißt sie beschreiben, heißt die beobachteten
Vorgänge auf eine Formel bringen, heißt Ursachen Hhpostasieren,
von deren Wesenheit wir nichts wissen. Den Menschen und sein
Handeln erkennen, heißt: erklären, heißt deuten aus eigenem Erlebnis,
heißt Gründe nachweisen, von denen wir aus uns selbst heraus Kunde
haben, die wir somit kennen.
Anders ausgedrückt: wirkliche Erkenntnis gibt es nur im Gebiete
der Geisteswissenschaft; während das, was wir Naturerkennen heißen,
nichts anderes als eine Umschreibung von Vorgängen bedeutet, von
deren innerem Zusammenhange wir nichts wissen.
Ich kenne die letzte Ursache nicht, die den Stein zum Fallen
bringt; denn wenn ich sie „Schwerkraft" nenne, so setze ich ein Wort
ein, ohne darum üefer in die Sache einzudringen. Wenn aber jemand
dem andern den Schädel mit einem Stocke einschlägt, so vermag ich
hierfür Gründe anzugeben, weil ich die Handlung, die zum Schädel-
einschlägen geführt hat, aus meiner Seele zu erklären vermag. Wer
möchte sagen, warum die Erde um die Sonne kreist. Aber warum
Romeo um Julia, Napoleon um England, der Jobber um die Börse
kreisen: das weiß ich, denn wiederum habe ichs erlebt.