8. Friedrich List, Deutschlands größter Volkswirt. 17
zahlreiche Reformen. Der Prozeß, der darauf gegen ihn angestrengt wurde, endete
mit seinem Ausschluß aus der Kammer und mit der Verurteilung zu zehnmonatiger
Festungshaft auf dem Hohenafperg. Nachdem ihm nach einigen Zwischenfällen gegen
das Versprechen der Auswanderung der Rest der Festungshaft erlassen worden war,
beginnt eine unstete Wanderschaft, die ihn durch die Pfalz und Frankreich über den
Ozean in die Vereinigten Staaten führte.
Nachdem er Lafayette auf dessen Einladung auf seinem Triumphzug durch
Amerika begleitet hatte und mit den berühmtesten Staatsmännern bekannt geworden
war, suchte er seinen und der Seinigen Unterhast durch den Betrieb einer Farm zu
sichern. Als der gewünschte Erfolg ausblieb, übernahm er die Redaktion des deutschen
Blattes „Adler" in der kleinen Stadt Reading und fand bald Gelegenheit, in die
wirtschaftlichen Kämpfe Pennsylvaniens einzugreifen. Auf einem Ausflug in die
„Blauen Berge" entdeckte er ein Kohlenlager, brachte rasch eine Gesellschaft mit be
deutendem Kapital zusammen, baute eine Eisenbahn, gründete Städte und war im
Begriffe, durch seine Tätigkeit zu Ansehen und Wohlstand zu gelangen, als der un
widerstehliche Drang, die erworbenen Kenntnisse zum Nutzen seines Vaterlandes zu
verwenden, ihn wieder, alle seine amerikanischen Aussichten aufgebend, in die alte
Welt zurückführte.
Wie er dann in Leipzig sich niederließ und dort für ein deutsches Eisenbahn
wesen wirkte, wie er das Rotteck-Welckersche „Staatslexikon" und das „Zollvereins
blatt" ins Leben rief, wie er in diesem und in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung"
mit beredten Worten für einen den ganzen Deutschen Bund umfassenden Zollverein
eintrat, wie er, gedrückt durch die Behandlung in Leipzig, im Herbste 1837 nach
Belgien und Frankreich sich begab und dort bei den Königen und Ministern die wohl
wollende Aufnahme fand, die er in der Heimat entbehren mußte, wie er in Paris
den ersten Entwurf seines „Nationalen Systems der polistschen Ökonomie" als Lösung
der von der Akademie gestellten Preisaufgabe über Freihandel und Schutzzoll nieder
schrieb, wie es ihn aber dort nicht litt, sondern wieder nach Deutschland zurückzog, —
das ist alles so bekannt, daß ich nicht weiter dabei zu verweilen brauche. Im Jahre
1841 erschien sein berühmtes theoretisches Hauptwerk: „Das nationale System der
politischen Ökonomie". Die letzten sechs Jahre seines Lebens sind ausgefüllt mit lite
rarischen Arbeiten und Reisen, die er als unbesoldeter Anwalt Deutschlands nach
Österreich, Ungarn und schließlich nach dem von ihm so leidenschaftlich bekämpften
England unternahm.
Friedrich Lifts Verdien st e um die Volkswirtschaft nach
der theoretischen und praktischen Seite sind so weittragend,
daß wir ihn als den größten deutschen Volkswirt bezeichnen
dürfen. In einer Zeit, in der in Deutschland wie anderwärts alle West sich be
mühte, die kosmopolitischen und individualistischen Lehren des Schotten A. Smith
nachzubeten und zu verbreiten, obwohl Deutschland für sie keineswegs reif war, hatte
er den Mut, deren Einseitigkeit nachzuweisen und zu bekämpfen. Er war der erste
realistisch denkende Volkswirt. Er erkannte, daß dieselben Maßregeln und Gesetze
nicht für alle Völker und Entwicklungsstufen gleichermaßen sich eignen, sondern aus
dem Volke und aus der Zeit herauswachsen müssen.
Ist es nicht beschämend, daß dieser Mann nahezu dreißig Jahre nach seinem
Tode den Fachgelehrten so gut wie unbekannt oder wenigstens von ihnen nicht ver
standen und berücksichtigt war, bis Eugen Dühring ihn auf den Platz stellte, der ihm
gebührt? Die ganze ethisch-historisch-realistische Richtung der jüngeren deutschen Na
tionalökonomie, auf die wir als den wichtigsten Fortschritt in der Dogmengeschichte
dieser Wissenschaft stolz sind, ist in Lifts zahlreichen Schriften verkörpert, nicht dem
Namen, aber dem Wesen nach. Ist es nicht merkwürdig, daß sie sozusagen neu ent-
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. 2