390 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [848
zu große Summen abgenommen. Die Vermittler fingen an, auf möglichst häufigen
Stellenwechsel zu spekulieren, um so öfter die Gebühren zu verdienen. Unerhörte Miß—
bräuche zeigen sich vor allem in der Matrosen-, Kunst-, Theater-, Kellnerinnenvermitte—
lung. Es ist seit den letzten 20 Jahren so schlimm geworden, daß die Gesetzgebung
überall sich anschickt einzugreifen oder schon eingegriffen hat; Konzesstonierung der Ver—
mittler und Uberwachung der Gebühren ist angeordnet; ja sogar spätere gänzliche Unter⸗
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liche Vermittelung organisiert ist, haben diese Vermittler (wie z. B. in Wiesbaden in
kurzer Zeit) auf wenige Prozente der früheren Zahl abgenommen oder sich in
ihren Geschäftsgebräuchen sehr gebessert. Die Hoffnung Molinaris, das private Ver—
mittlergeschäft durch große Aktiengesellschaften zu einer guten und socialpolitisch einwand—
freien Institution zu machen, war gänzlich utopisch. Es sind nie solche entstanden,
werden wohl auch nicht entstehen. Große Gewinne können in diesem Gebiete nur
dunkle Ehrenmänner mit Wucherpraktiken machen.
Neben der Privatvermittelung haben nun meist die Arbeiter- und die Unter—
nehmerverbände versucht, sich der Vermittelung zu bemächtigen (vergl. oben IB
S. 808). Es lag dies um so näher, als seit alter Zeit Innungen und Gesellenverbände
einen Arbeitsnachweis teils getrennt, teils gemeinsam eingerichtet hatten. Beide sociale
slassen haben an einem geordneten Nachweise das stärkste Interesse und, wo die Ver—
mittelung nicht einseitig zum Kampfmittel gemißbraucht wird, kann sie sowohl in Unter—
nehmer-, als in Arbeiterhänden heilsam wirken. Das war aber gerade da, wo heute ein
erbitterter socialer Kampf ausgebrochen ist, sehr schwierig. Die Leidenschaft des Tages
hat beide sociale Klassen neuerdings meist zu falschem Gebrauch verführt.
Am wenigsten vielleicht bei den älteren gemäßigten englischen Gewerkvereinen,
soweit sie den Rachweis organisierten; sie verstanden es mannigfach, es so weit zu
bringen, daß die Arbeitgeber freiwillig ihren Nachweis benutzen. Aber vielfach bekämpfen
letztere ihn auch. Wo sie dies thun, können sie meist den Gewerkvereinsnachweis nicht
lahm legen. Jeder Genosse ist in jedem Geschäft ein geheimer Agent seines Nachweises;
erfährt er, daß eine Stelle frei sei, so schickt er ein Mitglied seines Vereins hin, ohne
daß der Unternehmer weiß, woher diese Meldung kommt. Im ganzen wünschen die
anparteiischen Elemente heute auch in England kommunale, paritätische Nachweise. In
Frankreich haben in den großen Städten die Arbeitersyndikate mit Hülfe großer
städtischer Mittel die Arbeiterbörsen seit 1887 ins Leben gerufen: es sind große Hotels
mit Sälen für allerlei Zwecke, hauptsächlich auch für die Arbeitsvermittelung; die Pariser
Börse kostete 2 Mill. Francs. Mögen diese Börsen (1897 waren es 82) in Arbeiterkreisen
sehr beliebt sein, dem Arbeitervereinswesen in vielfacher Hinsicht dienen; wo der extreme
politische Radikalismus herrscht, haben sie den Arbeitsnachweis doch in falsche Bahnen
zebracht; die Pariser Börse mußte zeitweise geschlossen werden; es ist jetzt (1901) eine
zweite, von der Politik der extremen Syndikate unabhängige Arbeiterbörse in Paris ge—
gründet worden. Die Kommunen hätten die Börsen nur bauen und subventionieren
sollen unter der Bedingung, daß die Nachweise paritätisch eingerichtet werden. Für
Deutschland wies schon Möller für 1892 nach, daß socialistische Gewerkschaften 3300 Ar—⸗
beiternachweisstellen haben, daß sehr viele Arbeiter nur Mitglieder werden, weil sie
nur so Stellen erhalten. Bis vor wenigen Jahren haben die Gewerkschaften jede
andere Arbeitsvermittelung abgelehnt; sie haben aber auch durch ihre Einseitigkeit, durch
den Terrorismus gegen aͤlle Nichtgenossen seit den letzten zehn Jahren die schrofferen
und entschlosseneren Elemente der Unternehmer zu gleich einseitigem Vorgehen veranlaßt.
Es waren bei den letzten Zusammenkünften der Arbeitgebernachweisfe gegen 80 derselben
vertreten, und die schneidigen Generalsekretäre derselben und die Offiziere a. D., welche
die Nachweise leiten, haben offen verkündigt, es handele sich um eine Machtfrage; ihr
Nachweis solle einen erwünschten Druck auf die Arbeiter ausüben, die Fähigen be—
fördern; paritätische Nachweise zeigten zu leicht den Arbeitern die aussichtsvollen Termine
ür Lohnbewegungen. Hauptsächlich wollen diese Nachweise die organifierten, mißliebigen
Arbeiter von allen Stellen ausschließen, sie wollen alle Unternehmer, die Mitalieder