Kap. IV. Auf welche weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.
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größere Freiheit der Bewegung und Beschäftigung, der Rede und der
Presse. Die Geschichte der modernen Zivilisation ist die Geschichte der
dahin gerichteten Fortschritte, der Kämpfe und Triumphe persönlicher,
politischer und religiöser Freiheit. Und die Allgemeinheit dieses Gesetzes
wird dadurch bewiesen, daß, sobald diese Tendenz sich behauptete, die
Zivilisation vorschritt, sobald sie dagegen beschränkt oder zurückgedrängt
wurde, die Zivilisation zum Stillstand gebracht war.
Diese Tendenz hat ihren vollen Ausdruck in der nordamerikanischen
Republik erlangt, wo die politischen und gesetzlichen Rechte vollkommen
gleich sind und infolge des Kreislaufes der öffentlichen Ämter selbst die
Entstehung einer Bureaukratie verhindert wird, wo jeder religiöse
Glaube oder Unglaube auf gleichem Fuße steht, wo jeder Knabe hoffen
darf, Präsident zu werden, jeder Ulann in öffentlichen Angelegenheiten
eine gleiche Stimme hat, und jeder Beamte mittelbar oder unmittelbar
für die kurze Frist feiner Amtsdauer von einer Volksabstimmung ab
hängig ist. Die Vereinigten Staaten sind in dieser Beziehung der vor
geschrittenste aller großen Staaten in einer Richtung, in der alle vor
anschreiten, und in den vereinigten Staaten sehen wir also genau, wie
viel diese Tendenz zu politischer und persönlicher Freiheit an sich zu
vollbringen imstande ist.
Die erste Wirkung der Tendenz zu politischer Gleichheit war die
ebenmäßigere Verteilung des Reichtums und der Macht, denn solange
die Bevölkerung verhältnismäßig dünn ist, liegt die Ungleichheit der
Reichtumsverteilung hauptsächlich an der Ungleichheit der persönlichen
Rechte, und erst mit der Entwicklung des materiellen Fortschrittes
tritt die in der Auslieferung des Grund und Bodens an den Privatbesitz
enthaltene Ungleichheit scharf hervor. Indessen ist es jetzt offenbar,
daß die absolute politische Gleichheit an sich die im Privatgrundbesitz
enthaltene Tendenz zur Ungleichheit nicht verhindert, und es ist ferner
augenscheinlich, daß die politische Gleichheit, wenn sie mit einer zunehmen
den Tendenz zu ungleicher Reichtumsverteilung zusammentrifft, schließ
lich entweder den Despotismus organisierter Tyrannei oder den schlim
meren Despotismus der Anarchie erzeugen muß.
Um eine republikanische Regierung in den niedrigsten und brutalsten
Despotismus zu verwandeln, ist es nicht nötig, ihre Konstitution in
aller Form zu ändern oder die Volkswahlen preiszugeben. Jahrhunderte
vergingen nach Läsar, ehe der absolute Herr der römischen Welt vorgab,
anders zu regieren als kraft Auftrags eines Senats, der vor ihm zitterte.
Allein Formen sind nichts, sobald das Wesen geschwunden ist,
und die Formen volkstümlicher Regierung sind diejenigen, von denen
das Wesen der Freiheit am leichtesten schwinden kann. Die Extreme
berühren sich, und eine Regierung des allgemeinen Stimmrechtes und
der theoretischen Gleichheit kann unter Bedingungen, die zu dem Um
schwung drängen, am leichtesten ein Despotismus werden. Denn dort
Seht derselbe im Namen und mit der Macht des Volkes vor. Hat man