Full text : Die Heimarbeit und ihre Verbreitung in der Metallindustrie

Thüringen:  Zella,  Mehlis,  Schmalkalden,  Steinbach-Hallenberg,  Unter-  u.  Oberschönau,  29
ist,  sind  die  Arbeiter  geplagter  wie  in  der  Konfektion,  Schwere  Arbeit
von  früh  5  Uhr  bis  abends  9  und  10  Uhr,  Wochenverdienste  von
4  bis  18  Mk.,  das  ist  die  Regel.
Die  Heimarbeiter  in  den  oben  bezeichneten  Orten  können,  soweit
sie  der  Waffenbranche  angehören,  mit  Recht  der  scharfen  belgischen
Konkurrenz  von  Lüttich  einen  großen  Teil  Schuld  zuschreiben,  die  die
besseren  Schußwaffen  heute  noch  billiger  aus  den  Markt  bringt,  während
sie  in  den  weniger  guten  Qualitäten  teurere  Preise  fordert,  daß  ihre
Verhältnisse  von  Jahr  zu  Jahr  schlechter  werden.  Alle  aber  sind  darüber ­
  klar,  daß  die  fabrikmäßige  Produktion  vorteilhafter  ist  und  dadurch ­
  Druck  entstehen  muß.  Sichtbar  ist  allen,  daß  das  Kapital  aber
nicht  so  leicht  dazu  übergeht,  Fabriken  anzulegen,  wenn  noch  Aussicht
vorhanden  ist,  die  Arbeiter  mit  schlechteren  Preisen  abspeisen  zu  können.
Die  meisten  Arbeiter  in  diesen  Gebirgsstädten  und  -Dörfern  sind  aus
die  vorhandene  Industrie  angewiesen.  In  den  Städten  entstehen  Fabriken;
die  städtische  Arbeiterschaft  muß  sich  gegen  die  Preisdrückerei  wehren
oder  sich  ausschalten.  Letzteres  ist  schwer  möglich,  weil  Ackerbau  nicht
vorhanden  ist  und  die  Industriearbeiter  ihren  früheren  Acker  und  Besitz
an  Vieh  aufgegeben  haben.  Sie  konnten,  weil  sie  ganz  von  der  Industrie
abhingen,  die  Nebenbeschäftigung  mit  Acker  und  Vieh  nicht  mehr  erfüllen. ­
  In  den  Dörfern  stehen  die  Dinge  ebenso,  daß  Ackerbau  in  den
Bergen  nicht  betrieben  werden  konnte.  In  den  Forsten  konnten  die
vorhandenen  armen  Einwohner  schon  früher  nicht  beschäftigt  werden.
Sie  beschäftigten  sich  mit  der  Herstellung  allerlei  kleiner  Eisenartikel
und  blieben  dabei  so  lange,  bis  die  fabrikmäßige  Produktion  ihnen  die
Artikel  raubte.  Feststellen  kann  man,  daß  die  sogenannten  Schmalkaldener
  Artikel  heute  zum  allergrößten  Teile  in  den  Dörfern  zwischen
Wehkis  und  Schmalkalden  und  den  Orten  um  Schmalkalden
hergestellt  werden.  Aus  Schmalkalden  hat  sich  die  Zangenschmiederei
und  Nagelschmiederei,  Schraubenzieher-,  Korkzieher-,  Brennscherenmacherei
fast  ganz  auf  die  Dörfer  zurückgezogen.  '
In  Steinöach-Kallenberg,  einem  Flecken  mit  zirka  4200  Einlvohnern.
  Unter-  und  Hlierschönau  und  einigen  anderen  Orten  in
der  Nähe  von  Steinbach  sind  allein  mit  Herstellung  von  Frisierscheren ­
  900  Personen  beschäftigt.  Von  diesen  beschäftigen  150  bis
160  Personen  noch  einige  oder  eine  Person.  Die  Brennscheren
werden  in  den  verschiedensten  Qualitäten  und  Preislagen  gefertigt.
Die  billigsten  Sorten  sind  die  gangbarsten.  Für  eine  Sorte  zahlt  der
Kaufmann  pro  Dutzend  1,70  Mk,  Die  Auslagen  dazu  betragen:  Eisen
20  Pf.,  Hefte  (24  Stück)  40  Ps.,  das  Polieren  30  Pf.,  Summa  90  Pf.
Ein  Arbeiter  liefert  davon  pro  Tag  ein  bis  zwei  Dutzend.  Der  Verdienst ­
  beträgt  also  pro  Tag  80  Pf,  bis  1,60  Mk.  bei  dreizehn-  bis
fünfzehnstündiger  Arbeitszeit.  Davon  geht  dann  Miete,  Werkzeug  und
Hilfe  bei  Schmieden  ab.
Mit  der  Herstellung  von  Zangen  aller  Art,  Draht-,  Beiß-,
Rohr-,  Leder-  und  anderen  Zangen  sind  250  bis  300  Personen
beschäftigt.  Davon  nennen  sich  zirka  50  Meister  und  beschäftigen  einige
Leute.  Die  Preise  in  dieser  Branche  sind  ebenso  mangelhaft.  Für  eine
Sorte  Drahtzangen  zahlen  die  Kaufleute  pro  Dutzend  1,50  Mk.,  für
            
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