Full text : Russlands Bankerott

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treiben.  Daraus  darf  man  den  Inhabern  solcher  bequemen  Ueberzeugung
keinen  Vorwurf  machen.  Es  ist  eben  so  eine  Art  geistiger  Mimikri.  Wenn,
wie  gesagt,  Herrn  Kelsferichs  Anschauungsänderung  jetzt  kaum  das  wieder
gut  machen  kann,  was  er  vorher  schlecht  machte,  so  befindet  sich  sein
Kollege  im  Reichsdienst,  Herr  Regierungsrat  Martin,  in  einer  günstigeren ­
  Lage.  Ich  habe  auf  diesen  Seiten  schon  nachgewiesen,  was  ich  an
diesem  Buch  für  schlecht  und  was  ich  für  anerkennenswert  und  für  die
Abwehr  neuer  deutsch-russischer  Anleihen  für  brauchbar  halte.  Ich  hatte
dabei  aber  keinen  Zweifel  darüber  gelassen,  daß  ich  im  großen  und
ganzen  seine  Arbeit  für  eher  gefährlich  hielt,  weil  er  ebenso,  wie  Helfferich
das  Material  pro,  das  Material  contra  russisches  Finanzgebaren  zusammengetragen ­
  und  gar  noch  mit  einer  recht  phantastischen  Verbrämung
versehen  hat.  Ich  muß  heute  zugeben,  mich  geirrt  zu  haben.  Es  hat
sich  wieder  gezeigt,  daß  die  „Verpackung",  wie  der  Berliner  zu  sagen
pflegt,  die  Hauptsache  ist.  Die  sensationelle  Aufmachung  des  Martinschen
  Buches  hat  es  in  Kreise  lanciert,  in  die  die  sachlich  gehaltenen  Anklagen ­
  gegen  Rußlands  Finanzen  nicht  zu  dringen  vermochten.  Das  allein
aber  scheint  mir  die  Gefahr  nicht  wett  zu  machen,  die  dadurch  heraufbeschworen ­
  wurde,  daß  die  Martinschen  Ausführungen  dem  russischen
Finanzministerium  und  seinen  Parteigängern  eine  glänzend  zu  bearbeitende ­
  Angriffsfläche  boten.  Tatsächlich  hat  denn  auch  die  rüssische
Regierung  offiziös  sofort  erklären  lassen,  was  sie  bisher  nie  tat,  daß
sie  die  Irrtümer  Martins  offiziell  widerlegen  werde.  Aber  siehe  da!
Bis  auf  den  heutigen  Tag  hat  noch  nicht  eine  Zeile  dieser  Widerlegung
die  Druckerpresse  verlassen,  und  es  ist  die  Möglichkeit,  daß  gerade  dem
schwächsten  Buche  gegen  die  russischen  Finanzen  der  Riesenerfolg  beschert ­
  wird,  vor  aller  Welt  die  Haltlosigkeit  der  russischen  Position
zu  decouvrieren.  Denn  wenn  der  russische  Finanzminister  gegen  ein  so
schwaches  Buch  wie  das  Martinsche  keine  Erwiderung  findet,  so  ist  das
eben  ein  Beweis,  daß  er  nicht  erwidern  kann,  ohne  sich  der  Gefahr
einer  öffentlichen  Blamage  auszusetzen.  Freilich  kann  ich  es  mir  immer
noch  nicht  denken,  daß  tatsächlich  der  russische  Finanzminister  die  angekündigte ­
  Entgegnung  ganz  unterlassen  sollte.  Und  da  erscheint  mir
die  Frage  wohl  berechtigt:  Wann  erscheint  diese  Entgegnung,  und  wird
sie  noch  so  rechtzeitig  das  Licht  der  Oeffentlichkeit  erblicken,  daß  ihre
Widerlegung  möglich  ist,  bevor  der  Emissionprospekt  über  die  neue
russische  Anleihe  in  die  Welt  hinausflattert?

Luvst  (Kükow  ake  LmanMopßei.
(9.  September  1905.)
In  der  Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung  vom  2.  September
hat  die  Regierung  erklären  lassen,  daß  Herr  Dr.  Rudolf  Martin,  Regierungsrat ­
  im  Kaiserlichen  Statistischen  Amt,  seine  Broschüre  „Die

Wo  bleibt  die
Antwort  auf
Martin?

Die  Abschüttelung
  Martins.
            
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