Object: Gesellschaftslehre

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56 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
ganz allgemein mangels einer hinreichenden Analyse (positiv ausgedrückt: vermöge 
einer komplexen Auffassungsweise) als Ausfluß einer gesteigerten Kraft aufgefaßt, so 
daß er in seiner ganzen Person sich über die übrigen Sterblichen zu erheben scheint. 
In dieser Weise sind jedenfalls die ganzen Tatsachen der Zauberei nicht rein psycho- 
logisch, sondern soziologisch zu erklären: die Wechselwirkungen zwischen dem Zau- 
berer und seinem Publikum spielen‘ dabei eine Hauptrolle: was dieser sich von sich 
aus nicht zutrauen würde, das erwartet das Publikum von ihm, und deswegen glaubt 
er schließlich selbst, die Befähigung dazu zu besigßen. 
Und die großen Männer aller Zeiten erscheinen der naiven Auffassung schließ- 
lich ebenfalls als solche Zauberer, die beliebige Erfindungen machen, beliebige neue 
Gedanken fassen und beliebige neue staatliche Einrichtungen gleichsam aus dem 
Nichts hervorzubringen vermögen. Die eben angedeuteten Wechselwirkungen sind 
dabei überall wirksam. — Die soziologischen Faktoren bei dem Mechanismus des 
Zauberglaubens werden gut gewürdigt von Hubert und Mauß in ihrer Studie in 
l’annee sociologique 1902/3 und ihrem Werk: Möelanges d’histoire des religions. 
Paris 1909. 
14. Hand in Hand mit dieser eminenten Stärke unseres Instinktes 
geht eine Wirkung von besonderer qualitativer Art. Kein In- 
stinkt vermag in solcher Weise das menschliche Seelenleben umzugestal- 
ten. Der Unterordnungsinstinkt holt das Beste aus dem Menschen heraus. 
Welch ungeheure Opfer sind von jeher für alle Arten von Ideen und 
für alle Führer, die solche Ideen vertraten, gebracht worden. Mag man 
dabei an Kirchen und Sekten denken, an Parteibewegungen und Revo- 
lutionen, an kriegerischen Ruhm und nationale Ehre, — nichts diszipli- 
niert den Menschen so wie die Unterordnung. Überall sehen wir, wie 
dem Führenden, dem Angesehenen gegenüber der Abhängige sich zu- 
sammennimmt, seine Schwächen verbirgt und sein Bestes zur Schau stellt. 
Jeder gesunde Mensch liebt es im Grunde seiner Seele, seine Kräfte zu- 
sammenzuraffen und etwas Tüchtiges zu leisten; er befriedigt darin sein 
Selbstgefühl. Aber es bedarf dazu in der Regel einer Überwindung, die 
er nicht aus eigenem Antrieb zu vollziehen vermag, zu der er vielmehr 
von außen getrieben werden muß: in der Verehrung, die er seinem Füh- 
rer zollt, dankt er ihm für die Befriedigung des Selbstgefühles, die ihn 
dieser durch seinen Einfluß erleben macht. Hier erlebt er jenen wun- 
derbaren Zustand, der in seiner idealen Reinheit schon früher gekenn- 
zeichnet wurde: sein gewöhnliches Ich zu verleugnen und sich eben dabei 
auf sein wahres Ich zu besinnen; in das Ich seines Führers gleichsam 
einzugehen und dabei sein eigenes Ich zu verlieren und doch wieder- 
zugewinnen — ein Zustand, den in reinster Form das religiöse Leben 
zeigt. Ein besonders drastisches Beispiel dafür bildet jener Typus subal- 
terner Naturen, die nach unten treten und nach oben kriechen. Er 
trägt gleichsam einen Januskopf: alles Gute, alle Kraft und alle Willig- 
keit, deren er fähig ist, kommt in der Berührung mit höheren Mächten 
zur Geltung, während für den Verkehr nach unten nur die Brutalität
	        
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