314 Die Abstufuhg der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
die Krieger selbst verknüpft ein Band; der Wille zur Unterordnung un-
ter die Regeln des Krieges, also unter die Rechts- und Moralgebote, die
ihn einschränken. Ein weiteres Band liegt aber auch in der übrigen Ge-
sinnung, in dem Willen zur Tapferkeit und in der Überzeugung, daß die
nationale Ehre mehr als das Leben wert ist. Eine Folge davon ist, daß
in der Regel, falls der Einfluß des Nationalhasses sich nicht zu stark be-
merklich macht, die Krieger hüben und drüben durch die Gefühle der
Achtung verbunden sind. Charakteristisch für sie ist die bekannte Nei-
zung kämpfender Truppen, bei passender Gelegenheit sich anzufreunden
und in einen gewissen Verkehr miteinander zu treten. Unverständlich
ist diese Tatsache wiederum für den alten Rationalismus: er kann nicht
begreifen, wie hier aus einem Gewaltverhältnis als Verneinung aller
menschlichen Beziehungen eine Verbindung entsteht. Für uns aber ist
der Sachverhalt der: das Band wird hier gar nicht neu geknüpft, da es
vielmehr gar nicht ganz zerrissen war.
Populär ist die Vergleichung des Krieges mit dem Kampf ums Da-
sein bei den Tieren. In Wirklichkeit scheitert diese Auffassung schon
an der Tatsache, daß bei den Tieren der Kampf ums Dasein sich zwischen
Geschöpfen verschiedener Arten und nicht innerhalb derselben abspielt.
„Niemals haben“, heißt es schon bei Augustin, „Löwen unter sich oder
Drachen unter sich solche Kriege geführt wie die Menschen.“ Höchstens
könnte man einwenden, daß bei dem radikalen Kriege, d. h. dem Ver-
nichtungskriege, das Bewußtsein herrscht, gegen die „andere Art“ zu
kämpfen. Der Farbige erscheint dem Weißen in solchen Fällen nach
vielen übereinstimmenden Zeugnissen gar nicht als Mitmensch, und auf
tieferen Stufen gilt dasselbe natürlich in erhöhtem Maße. Überhaupt
kommt aber die ganze Auffassung nur. für den ungeregelten Krieg in
Frage. Sie übersieht, abgesehen von der psychologischen Beeinflussung
durch die Gewaltandrohung, die grundlegende Tatsache der Regelung bei
dem anderen Typus, weil sie verkennt, daß die Regelung überhaupt eine
zrundlegende Eigenschaft menschlicher Verhältnisse ist. Zugleich wer-
den diese dadurch so grundverschieden von allen Verhältnissen bei der
Tierwelt, daß schon daran die Übertragung von Gesichtspunkten und Be-
zriffen aus der Tier- auf die Menschenwelt scheitern muß. Die sogenannte
„Kulturzoologie‘“ erweist sich auch in dieser Beziehung als irreführend.
Literatur: Über geregelten und ungeregelten Krieg: Karl Weule, Der
Krieg in den Tiefen der Menschheit (Kosmos). — Alfred Knabenhans, Der
Krieg bei den Naturvölkern, im 16. Jahrgang der Berichte der geogr.-ethnogr. Ges. in
Zürich. — Leo Frobenius, Weltgeschichte des Krieges (Populäre Darstellung).
— Ferner: Wheeler, The tribe and intertribal relations in Australia. — Wal-
ter Beck, Das Individuum bei den Australiern, Leipzig 1924 (behandelt die rela-