Object: Die Entwicklung der Weißgerberei

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Aus demselben Grunde erfordert der Gerbeprozeß Zeit und spielen 
sich die physikalischen und chemischen Vorgänge nebeneinander ab . .. 
Der chemische Teil der Gerbung besteht in einer durch Kondensations- 
Prozeß veranlaßten Komplexbildung. Zu dem austretenden Wasser 
liefert die Haut den Wasserstoff, der Gerbstoff den Sauerstoff." 
Mit der Bemerkung, daß selbst die theoretischen Ansichten Fahrions 
sich nicht mit diesen hier gegebenen Gesichtspunkten erschöpfen, weil 
man eben die außerordentliche Vielfältigkeit und Kompliziertheit der 
in Frage stehenden Erscheinungen erkannt hat, und mit dem Hinweis 
auf die kleine und noch junge Zeitschrift „Collegium", welche der Er 
örterung dieser theoretischen Fragen und der Veröffentlichung diesbezüg 
licher Fragen dient, stehen wir am Schlüsse unserer Betrachtung über 
die Entwicklung der Gerbetheorien, und es bleibt uns nur noch die 
Frage zu beantworten, welches ist die Leistungsfähigkeit, der praktische 
Erfolg dieser letzten theoretischen Ansichten gewesen. 
„Neue Gerbstoffe! Neue Gerbeverfahren!" ist, wie wir gesehen 
haben, das Feldgeschrei aller Theorieen gewesen. Es ist über der stillen, 
mühsamen Laboratoriumsarbeit, welche in der Öffentlichkeit nicht viel 
von sich reden macht, das Reklameschild für die Welt; denn mit Aus 
nahme der chemischen Anschauung Seguins, welche die Lohgerbung in 
die Brühengerbung umgewandelt hat, und mit Ausnahme der Lehre 
von der Spaltung des Alauns bei der Gerbung, welche letztere aber 
keinen gerberischen Erfolg bedeutete, sind alle bisherigen Gerbetheorieen 
soff spurlos über den altüberkommenen Stamm der Gerbemethoden 
hinweggegangen; sie haben sie betrachtet, glossiert, systematisiert, haben 
die Vor- und die Nacharbeit modernisiert, haben den Kreis der Gerb 
stoffe erweitert, haben teure Stoffe durch billige zu ersetzen gesucht, aber 
das Wesen des Gerbeprozesses bei Fett-, Loh-, Weiß-, Glacegerbung 
haben sie weder aufgeklärt noch verändert; denn noch walkt man am 
besten Sämischleder mit Tran, noch benützt man zum geschätztesten 
Glaceleder die alte Nahrung aus Alaun, Kochsalz, Mehl und Eiern, 
noch gerbt man Weißleder mit Kochsalz und Alaun, noch setzt man die 
Häute zur Erzielung der dauerhaftesten Treibriemenleder in die Grube 
und verschmäht die Brühengerbung. Welches sind nun die Früchte 
der neuen Theorien? 
Als Ausfluß der neuen wieder mehr chemischen Betrachtungsweise 
trat um die Wende des 19. Jahrhunderts die Formaldehydgerbung 
auf den Plan *). Es ist ein typisches Schnellgerbeverfahren, und das 
Formaldehydleder scheint brauchbare Eigenschaften zu besitzen 2 ), wenn- 
ll^ich dieses Leder bis jetzt noch keine weitere Verbreitung gesunden 
y Dämmer 1911, Bd. III, S. 928. 
2 ) Ebenda.
	        
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