248 Zweiter Teil. Landet. XL Geldwesen und Kapitalismus.
dennoch bestand weder eine soziale noch eine große pekuniäre Kluft zwischen dem
Unternehmer und seinen Arbeitern.
Dies ändert sich in dem Maß, als der großkapitalistische Betrieb eindringt und
den Kleinbetrieb verdrängt. Die Zahl der Abhängigen beginnt in viel stärkerem Maß
zu wachsen als die der Betriebsleiter. Denn letztere werden dezimiert, ersteren werden
Personen zugeführt, die bisher an gewerblicher Arbeit unbeteiligt waren. Schon diese
gegensätzliche Bewegung erschwert dem Arbeiter das Selbständigwerden; noch mehr
aber die Steigerung der Anforderungen, die jetzt in bezug auf Kapital und Aus
bildung an einen Betriebsleiter gestellt werden. War früher die Abhängigkeit in der
Regel ein bloßes Durchgangsstadium für den Arbeiter, so ist sie heute ein dauernder
Zustand.
Erst der Großbetrieb scheidet in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehung
den Unternehmer vom Arbeiter. Der Arbeiter ist nicht herabgedrückt, — es wird nur
zu oft vergessen, wie sehr trotz dieser Entwicklung die Arbeitslöhne gestiegen sind —
aber er ist des Emporsteigens beraubt und dadurch, ganz abgesehen von allen Besitz
verschiedenheiten, von seinem Brotherrn durch eine tiefe Kluft getrennt. Gleichzeitig
machen die patriarchalischen früheren Beziehungen zwischen Herren und Arbeitern, deren
Beseitigung schon durch die Menge der Arbeiter nahegelegt ist, allmählich einer Ent
fremdung Platz. Zwischen beide Teile schieben sich Zwischenpersonen mit eigener
Verantwortlichkeit in Gestalt von Beamten und Aufsehern; es entstehen Geschäftsformen,
wie die moderne Aktiengesellschaft, in denen der Kapitalist in der denkbar losesten Form
den Arbeitern gegenübertritt.
Aber wichtiger als diese Wandlungen ist das: unsere Arbeitermassen haben unter
dem Einfluß ihrer Zahl und ihrer Abhängigkeit ein eigenes Klassen- und Standes
bewußtsein bekommen. Sie fühlen sich als Macht in der modernen Volkswirtschaft
und ringen als solche um Anerkennung. Daß sie in politischer Beziehung durch das
allgemeine direkte Reichswahlrecht als gleichwertig mit den Reichsten und Intelligentesten
anerkannt sind, hat ihr Standesgefühl und ihre Hoffnungen noch stark gesteigert.
So erklären sich die tiefen Interessengegensätze, die heute die Welt bewegen
überall, wo es Großbetriebe gibt, Gegensätze, die keinem Staat mit gleicher Entwicklung
erspart sind und nur je nach den Charaktereigenschaften des betreffenden Volks stärker
oder schwächer hervortreten.
Daß sich an dieses Emporstreben der Arbeiter ein förmliches sozialistisches Lehr
gebäude anschloß, das den Arbeitern in einer anderen Wirtschaftsordnung ohne Privat
kapital und Privatwirtschaft ein besseres materielles Dasein, vor allem aber ausschlag
gebenden Einfluß in Aussicht stellte, darf nicht verwundern. Die Nationalökonomie
his zum letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts hatte in verschiedenen Schattierungen,
aber doch immer wieder ein Lehrgebäude nur vom Anternehmerstandpunkt aus aufgebaut.
Mögen wir über die sozialistischen Zukunftsideen die Achseln zucken, die hämische
Kritik alles Bestehenden mit Recht gefährlich finden, das dürfen wir uns doch nicht
verhehlen, daß diese Krittk, so abstoßend sie zunächst wirkt, doch in manchen Einzelheiten
nicht fehlgreift; wir müssen anerkennen, daß die Zunahme der Abhängigkeit und
Besitzesungleichheit, in die alle Stände verflochten sind, dem Staat wie den Besitzenden
Pflichten auferlegen, die früher kaum gekannt waren, deren Erfüllung kaum begonnen
hat und unsere ganze Zukunft beherrschen wird.