478 Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
geringerem Maße aber nur bei den großen Partei- und Klassen-
kämpfen, bei denen eine das Ganze repräsentierende Gruppe von
Zuschauern nicht oder nur mangelhaft vorhanden ist. In der Tat nehmen
die Partei- und Klassenkämpfe nach ihrer Rücksichtslosigkeit und nach
ihrer Moral auch eine gewisse mittlere Stellung zwischen den Verhält-
nissen der Individuen und denjenizen der Staaten zueinander ein.
Die Friedensbewegung stellt als ihr Ziel gerne die Herstellung eines unbedingten
Rechtsverhältnisses zwischen den verschiedenen Staaten hin. Bei der Würdigung
dieser Forderung kommt es sehr auf den Sinn dieser Worte an. Meint man damit
einfach die Herrschaft des Schiedsverfahrens an Stelle der Selbsthilfe durch den Krieg,
so ist diese Forderung theoretisch einwandfrei. Praktisch stellt sie uns vor die eben
angedeutete Schwierigkeit, eine Organisation zu schaffen, die sich allen Kämpfen
einzelner Mitglieder gegenüber als übergeordnete Organisation innerlich und äußer-
lich zu behaupten vermag, statt als Ganzes mit in die Kämpfe einzelner Individuen
hineingezogen zu werden — eine Schwierigkeit, deren Größe, wie schon gesagt, in der
Regel nicht gewürdigt wird. Vielfach meint man mit jener Formel auch eine Auf-
gabe aller Machtverhältnisse zugunsten eines allgemeinen Rechtsverhältnisses. Diese
Formulierung verkennt jedoch den Zusammenhang zwischen Recht und Macht ($ 24,.):
jede Rechtsordnung, ‘sahen wir, wird von einer Macht geschaffen und erhalten. Der
Inhalt der Rechtsverhältnisse wird von einer solchen Macht bestimmt, und das Recht
ist nur die Form, in der sich die Machtbeziehungen im einzelnen betätigen. Die Er-
richtung eines internationalen Rechtsverhältnisses stellt uns also wieder vor die Frage,
welche Macht dieses Verhältnis bestimmen soll, sie set eben jenes Walten der Macht
tatsächlich wieder voraus, das sie vermeintlich aus der Welt schaffen würde. Der wahre
Sinn der Bewegung kann nur sein, daß die bisherigen Formen der Machtausübung eine
Abänderung erfahren, indem die Anwendung der Gewalt (d. h. des Krieges) ver-
mieden wird — ähnlich wie dies z. B. zwischen den deutschen Staaten durch die Reichs-
gründung geschehen ist.
Aussicht auf Erfolg kann das Bestreben nach internationaler Annäherung bis
zur Beseitigung der Kriege nur in dem Maße haben, in dem es an das Solidaritäts-
gefühl appelliert und diesen Appell mit dem Hinweis auf Übel begründet, die nur
durch gegenseitige Hilfe beseitigt oder vermieden werden können. In der gegen-
wärtigen Lage wären diese Übel das Übermaß von Zerstörungskräften, das jeder
Krieg entfesseln würde, dergestalt, daß auch der Sieger sich ins eigene Fleisch
schneidet. Aber ein Gemeinschaftsverhältnis entsteht nicht durch äußeren Druck allein,
sondern es ist ein gewisser Grad innerer Verbundenheit erforderlich ($ 18,,); es kommt
also alles darauf an, daß, wie oben betont, eine hinreichende innere Annäherung sich
vyallzieht.
6. Was die Stärke der modernen internationalen
Beziehungen anbetrifft, so haben uns der Weltkrieg und die un-
mittelbar auf ihn folgenden Ereignisse gezeigt, wie sehr diese vorher
von gewissen Seiten überschätzt waren. Die modernen Hoff-
nungen auf ihre Kraft, den Krieg zu verhüten, haben sich als eitel er-
wiesen. Am begreiflichsten war das bei dem internationalen Kapital.
Ebenso wenig hat der gesteigerte internationale Verkehr persönlicher
und wirtschaftlicher Art sich als wesenhaftes Band der Völker bewährt