Object : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

seiner  vielseitigen  Beobachtungen  der  zeitgenössischen  Wirklichkeit ­
  Leroy-Beaulieu  zu  einem  durchwegs  vorsichtigeren  Verallgemeinern ­
  disponiert,  als  es  von  den  ältern  gehandhabt  wurde.
Die  zweite  große,  fundamentale  Tendenz  des  modernen
Wirtschaftslebens  ist  die  Kolonisationsbewegung.  Das  XIX.  Jahrhundert ­
  hat  hierin  eine  Neuauflage  der  Bewegung  des  XVI.
Jahrhunderts  erlebt.  Wenn  aber  diese  Tatsache  in  gewissen
Zeitabschnitten  besonders  hervortritt,  so  darf  man  doch  nicht
übersehen,  daß  sie  eine  universelle  und  permanente  volkswirtschaftliche ­
  Kategorie  darstellt.  Sie  war  in  der  Vergangenheit
bei  allen  Völkern,  sie  ist  in  der  Gegenwart  und  sie  bleibt  in
der  Zukunft  eine  der  wichtigsten,  volkswirtschaftlichen  Erscheinungen. ­
  Nur  wenige  Nationalökonomen,  zu  denen  Roscher  zu
zählen  ist,  haben  deren  Bedeutung  erkannt.  Die  weitaus  große
Mehrzahl  der  volkswirtschaftlichen  Lehrbücher  seit  Adam  Smith
läßt  sie  unberücksichtigt.
Der  Kolonisation  hat  die  Kulturmenschheit  stets  einen
Teil  ihres  Wohlstandes,  des  Fortschrittes  ihrer  Industrie  und
ihres  sozialen  Gesamtzustandes  verdankt.  Sie  erscheint  als
einer  der  mächtigsten  Faktoren  der  Kultur.  Für  Private  ist  sie
ungeeignet,  denn  wenn  diese  auch  als  Pioniere  und  Handelsleute ­
  bei  derselben  eine  wichtige  Rolle  spielen  können,  so
sind  sie  doch  nie  in  der  Lage,  einen  geregelten,  dauernden,
methodischen,  zivilisatorischen  Einfluß  auf  ganze  Länderstriche
auszuüben.  Nur  zu  leicht  führt  die  Kolonisierung  durch
Private  zu  schreienden  Ungerechtigkeiten  und  unmenschlicher
Unterdrückung  den  Eingeborenen  gegenüber.  Deshalb  ist  das
Kolonisationswerk  in  erster  Linie  als  Aufgabe  der  Staaten  zu
betrachten  *).
Von  allen  Fragen  des  Wirtschaftslebens  liegt  keine  Leroy-Beaulieu
  so  sehr  am  Herzen  als  die  Kolonialfrage.  Ihr
widmete  er  sein  erstes  größeres  Werk 1  2 ).  In  den  siebziger  und

1)  Traité,  Bd.  IV,  p.  635  ff.  Es  würde  zu  weit  führen,  Leroy-Beaulieu
auch  nur  in  dessen  allgemeinen  Ausführungen  über  die  Bedeutung  der  Kolonisierung ­
  an  dieser  Stelle  zu  folgen.
2 )  De  la  colonisation  chez  les  peuples  modernes,  2  Bde.,  zuerst  1874,
5.  Ausl.  1902.  Das  Werk  lehnte  sich  ursprünglich  eng  an  die  Schriften  des  Engländers ­
  Merivale  an,  ist  aber  seither  bedeutend  erweitert  und  verselbständigt
worden.
            
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