Object: Nationalökonomie (Teil 1)

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rung der Lohnverhältnisse als wünschenswert, ja notwendig anerkannt 
wird. Diese Imponderabilien bei der Lohnregulierung hat die alte 
Schule gänzlich unberücksichtigt gelassen, Sie haben allerdings auch 
erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine höhere Be- 
deutung gewonnen und werden hoffentlich in diesem Jahrhundert noch 
wesentlich an Einfluß gewinnen. 
Karl Marx stellt die Behauptung auf, daß in dem Zustande 
wirtschaftlicher Freiheit eine Besserung der Lage der arbeitenden 
Klassen nicht zu erwarten sei, sondern vielmehr eine wachsende Ver- 
elendung derselben sich mit Notwendigkeit entwickeln müsse, weil sich 
stets eine bedeutende ‚Reservearmee‘“ beschäftigungsloser Arbeiter in 
den Kulturländern erhalte, die fortdauernd geneigt sei, für billigen 
Lohn Arbeit zu übernehmen und ein überwiegendes Angebot her- 
stelle, wodurch ein permanenter Druck auf den Lohn ausgeübt werde. 
Die Annahme einer solchen beständigen Reservearmee ist aber, wie 
so Vieles bei Marx, eine willkürliche und noch mehr in der 
ihr beigelegten Bedeutung eine willkürliche Schlußfolgerung. Wird 
auch die Statistik stets eine Anzahl Arbeitsloser nachweisen, so be- 
treffen diese doch nicht alle Geschäftsbranchen und bilden im großen 
Durchschnitt ein Angebot durchaus unterwertiger Qualität, sobald nicht 
eine Ausnahmslage durch eine wirtschaftliche Depression vorliegt. Auch 
in Zeiten des Arbeitermangels finden sich stets Arbeitslose teils wegen 
körperlicher Unzulänglichkeit, teils wegen Untüchtigkeit und besonders 
Arbeitsscheu. Die Konkurrenz dieser Elemente ist daher an und für 
sich von geringer Bedeutung, und im Zusammenhange mit dem vorhin 
Ausgeführten verschwindet ıhr durchschnittlicher Einfluß völlig. 
Wir haben schließlich noch die sogenannte Lohnfondstheorie 
zu erwähnen, welche hauptsächlich und zuletzt von John Stuart 
Mill vertreten wurde. Sie besteht in der Auffassung, daß der Lohn 
der Arbeiter aus dem Kapitale des Unternehmers gezahlt werde, und 
hierzu aus dem Nationalertrage wiederum dem Unternehmer nur ein 
bestimmter Teil zur Verfügung stehe, sodaß die Zahl der vorhandenen 
Arbeiter sich darin zu teilen habe. Je größer die Zahl und damit 
der Divisor, um so kleiner sei der Anteil des Einzelnen, um so nie- 
driger der Lohn. Die Zahl der Arbeiter sei deshalb allein entschei- 
dend für die Lohnhöhe. Mit vollem Recht ist dagegen eingewendet 
und jetzt allgemein anerkannt, daß ein solcher in seiner Höhe be- 
schränkter Lohnfonds nicht existiert, und ferner der Arbeiter durch seine 
Thätigkeit fortdauernd neue Werte schafft, die zwar nicht immer, und 
in dem Fabrikbetriebe wie in der Hausindustrie immer seltener, un- 
mittelbar zur Konsumtion reif sind, aber doch zum großen Teile dem 
Unternehmer fortdauernd einen Kapitalzuwachs gewähren. So schießt 
der Unternehmer allerdings den Arbeitern im allgemeinen nicht unerheb- 
liche Summen vor, von denen sie leben, während sie neue Werte 
schaffen, bis dieselben im Verkehre umgesetzt werden können, aber 
es wird nicht von ihm verlangt, den ganzen Lohn allein und aus 
seinen vorrätigen Fonds zu zahlen, weil die fortlaufenden Produkte der 
Arbeitsthätigkeit ihm nach kurzer Zeit die Auslagen heimzahlen und 
je nach diesen Leistungen, die, wie wir sahen, keineswegs auf den 
Arbeiter allein zurückzuführen sind, sondern auch auf das Kapital und 
den Unternehmer, wird der Lohnfonds permanent gespeist und ver- 
ändert, Es ist also nicht der bereits vorher bestehende Fonds maB- 
gebend für den Lohn, der gezahlt werden kann, sondern er wird durch 
Conrad. Grundrilfs der nolit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl. 19 
KReserve- 
armee. 
Lohnfonds- 
theorie.
	        
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