169
ganze Gouvernement diesen Einfluss nicht deutlich genug zeigt. Und
doch sieht man auch aus den durchschnittlichen Lohnsätzen, dass in der
dritten Feldarbeitsperiode die Löhne im Gouv. Ekaterinoslaw am höchsten
stehen, welches sich durch eine starke Entwickelung der Steinkohlen-
und Eisenproduktion auszeichnet. Dagegen stehen die Löhne in Bess-
arabien viel niedriger, wo fast keine grosse Industrie vorhanden ist.
Besonders ersichtlich tritt dieser Faktor beim Vergleich der Löhne in
den verschiedenen Kreisen eines und desselben Gouvernements hervor.
So haben wir bei Betrachtung der Löhne im Gouv. Cherson gesehen,
dass in den nördlichen Kreisen, wie Alexandria, Elisabethgrad, die Löhne
bedeutend niedriger stehen, als in den südlichen Kreisen Odessa und
Cherson. In den ersten Kreisen, wie auch in Bessarabien ist das
städtische Leben und die Industrie sehr wenig entwickelt. Hier ist die
wirtschaftliche Lage der bäuerlichen Bevölkerung am schlechtesten und
für diese Gegend, besonders für den Kreis Alexandria ist eine grosse
Auswanderung der Arbeiter nach den südlichen Teilen Bessarabiens,
Tauriens (Krim) und dem Süden des Gouv. Cherson bezeichnend.
Bedeutend höher als in den nördlichen Kreisen stehen die Löhne der
Landarbeiter in den südlichen Kreisen Odessa und Cherson, wo die
grossen Städte, wie Odessa und Nikolaew mit bedeutend entwickelter
Industrie und städtischem Leben ihren Einfluss auf die Löhne ausüben.
Hier sind die Anbauflächen grösser wie im Norden, die Wirtschaften
viel intensiver und der Bedarf an Arbeitskräften viel grösser als in den
übrigen Kreisen. Hier finden auch Massen von Arbeitern eine Saison
arbeit während des Sommers im grossen Hafen von Odessa. Es hat
sich sogar eine besondere Kategorie von Wanderarbeitern gebildet —
die sog. Kadetten, die im Sommer meistens im Hafen, dann im Spät
sommer auf den Limanen bei den Salzwerken beschäftigt sind, und
sobald diese Arbeitsgelegenheit im späten Herbst aufhört, sich auf
irgend einem Gut als Landarbeiter verdingen.
Während sie im Sommer, so lange sie ihren Haupterwerb nicht
in der Landwirtschaft finden, in der Regel einen höheren Lohn fordern,
sind sie im Flerbst oder im Winter bereit, für den ersten besten Verdienst
zu arbeiten. Es sind Landstreicher, die aus verschiedenen Gesellschafts
klassen stammen und im Leben Schiffbruch gelitten haben. Ohne eigenes
Heim, ohne Kleidung und Aussichten auf einen bestimmten Erwerb
ziehen sie in den Vororten der Städte umher, meistens in ganzen
Gruppen, Artjels, da bei ihnen der korporative Geist, die Genossen
schaftssolidarität bedeutend entwickelt ist. Es sind die echten Gorki-
Typen, aus denen sich diese Arbeiterkategorie in den Hafenstädten