Die Harmonie als eine Schößfung des Geistes, 257
Weltharmonie vollzieht. Hier ist auch der letzte Rest des Dua-
uismus geschwunden. Der Geist nimmt die harmonischen Ver-
nältnisse nicht nur von aussen in sich auf, sondern ist zu ihrem
Urbild und Schöpfer geworden. Was eine geometrische Proportion
‚st, welcher Bestand und welche Wesenheit ihr zukommt, lässt
sich nicht einsehen, ohne eine Tätigkeit des Geistes als ihr not-
wendiges Correlat anzunehmen.?) Auch hier freilich ist das Be-
wusstsein zunächst noch in seiner mythischen Form als „Weltseele“
gedacht: das einheitliche Leben, das das All durchdringt, vermittelt
die mathematische Ordnung und Abhängigkeit, die zwischen seinen
Teilen besteht. Wir erinnern uns indes, dass schon innerhalb der
Naturphilosophie der Begriff der Weltseele eine Vorbereitung für
den Gedanken der durchgängigen und immanenten kausalen
Wechselwirkung der Dinge bildet. Jetzt wird dieser logische
Charakter des Begriffs gefestigt und vertieft: denn nicht mehr als
eine wirkende Kraft, die nach der Analogie des Triebes und der
Muskelbewegung gedacht wäre, sondern als reine funktionale Be-
ziehung zwischen den Gliedern des Universums wird die Seele
beschrieben. Nicht die Kräfte der Gottheit, nicht die Schöpfung
des Alls gilt es zu enträtseln: dies hiesse, wie Kepler gegenüber
der. theologischen Betrachtungsweise ausdrücklich betont, ein un-
mögliches und unlösbares Problem stellen. Was wir zu begreifen
vermögen, ist allein die gedankliche Verfassung des Ganzen,
leren Grundzüge wir in uns selber im Begriff der Grösse vor-
gezeichnet finden.®) So lenkt die Untersuchung im letzten Grunde
dennoch zum menschlichen Geiste, als dem echten Erkennt-
aisgrund der Harmonie, zurück. Sie knüpft vor allem an die
ästhetischen Betätigungsweisen an; — wie bei Platon die Idee
des Schönen es ist, die den Aufstieg vom Sinnlichen zum Gedank-
lichen vermittelt und leitet, so ist für Kepler die Lust, die durch
die musikalische Consonanz in uns erregt wird, ein „Mittleres“
zwischen dem blossen Sinnengenuss und der höheren intellek-
tuellen Befriedigung, die der Geist im Bewusstsein des eigenen
Schaffens empfindet. Dieselbe Ordnung, die wir in den Tönen
durch eine dunkle angeborene Anlage ergreifen, gelangt im Fort-
schritt der Forschung zu vollendeter Gestalt und Klarheit: ein
und derselbe Grundtrieb des Bewusstseins ist es, der sich im
künstlerischen Geniessen und in der astronomischen Forschung