Der Kampf ums Dasein in Gesellschaft und Volkswirtschaft. 65
der Arten aus einer geringeren Zahl von Wesen: das Princip der Zuchtwahl. Daß
mit dieser großen Perspektive Darwins ein Fortschritt epochemachender Art erzielt sei,
)arüber ist heute kein Streit, wohl aber darüber, ob diese Vorgänge allein die Ent—
tehung der Arten erklären oder nur in Verbindung mit anderen Thatsachen. Und noch
mehr darüber, ob die Schlüfse generalisierender heißblütiger Schüler Darwins richtig
seien, die nun ohne weiteres die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Erscheinungen
einfeitig und allein aus diesen Principien erklären wollen und sich gar zu dem Ge—
danken versteigen, es gebe keinen anderen Fortschritt als den durch Kampf bedingten,
und jede Hinderung und Abschwächung irgend eines Kampfes der Individuen und der
Völker sei verfehlt, weil sie die Unfühigen erhalte und den Fähigen erschwere, den Erfolg
für sich einzuheimsen, den Unfähigen zu knechten oder zu vernichten. Es wird so für
die Volkswirtschaft und für die Gefellschaft, für das Verhalten der Individuen, der
Klassen und der Völker das nackte Princip proklamiert, der Stärkere habe das Recht,
den Schwächeren niederzuwerfen.
Die mit diesen Fragen sich eröffnenden Zweifel und Kontroversen sind außer—
ordentlich zahlreich und kompliziert; sie hängen mit den Vererbungsfragen zusammen,
liegen teilweise auf medizinischem und physiologischem Gebiete; sie sind zu einem guten
Teile noch nicht ganz geklärt. Aber ein Gedankengang ist einfach; er entfpringt den
Betrachtungen, die uns hier beschäftigen, und beseitigt die stärkste Unklarheit, die in den
UÜbertreibungen der Darwinianer, in der summarischen Zusammenjsassung heterogener
Verhältnisse und Ursachen unter dem Schlagwort „Kampf ums Dasein“ liegt. Es ist
der Gedanke, daß jede sociale Gruppenbildung schon eine Negation gewisser, vor allem
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Gehörigen in sich schließe, daß sympathische Gefühle, Sitte, Moral und Recht gewisse
Kämpfe innerhalb der socialen Gruppen stets verhindert haben oder zu verhindern suchten.
Wir können, indem wir diese ethische Wahrheit versuchen historisch zu formulieren,
sagen: die Organisation der Stämme, Völker und Staaten beruhte in älterer Zeit ganz
überwiegend nach innen auf sympathischen, nach außen auf antipathischen Gefühlen,
nach innen auf Frieden, gegenseitiger Hülfe und Gemeinschaft, nach außen auf Gegensatz,
Spannung und jedensalls zeitweiligem, bis zur Vernichtung gehendem Kampfe.“ Aber
es fehlte daneben doch auch nicht der Gegensatz im Inneren der Stämme, die friedliche
Beziehung nach außen. Nur überwog, je roher die Kultur war, das Umgekehrte. Je
höher sie stieg, je größer die Gruppen, Stämme und Völker wurden, desto mehr milderte
sich auch der gemeinsame Kampf nach außen, desto häufiger trat auch in den Beziehungen
der Völker unter einander an die Stelle der Kämpfe und der Vernichtung die friedliche
Arbeitsteilung, die Anpassung, die gegenfseitige Förderung. Im Inneren aber der
gefestigten größeren Gemeinschaften muüßte den kleineren Gruppen und Individuen nun
ein etwas größerer Spielraum der freien Selbstbethätigung und damit weiteren Streites
eingeräumt werden; es entstand hier ein gewisser Kampf der Gemeinden, der Familien,
der Unternehmungen, der Individuen, der aber stets in den Grenzen sich bewegte,
welche durch die üͤberlieferten sympathischen Gefühle, durch die gemeinsamen Interessen,
durch Religion, Sitte, Recht und Moral gezogen wurden. So handelt es sich um
eine fortschreitende historische Verschiebung der Gruppierung und der Kampf- und
Friedensbeziehungen der einzelnen und der Gruppen untereinaunder, um eine wechselnde
Normierung und Zulassung der Kampfpunkte, der Kampfarten und der Kampfmittel.
Niemals hat der Kampf schlechtweg geherrscht; er hätte zum Kriege aller gegen alle,
zur auflösenden Anarchie geführt, er hätte niemals größere sociale Gemeinschasten ent—
stehen lassen; er hätte durch die Reibung der Elemente untereinander jede große mensch—
liche Kraftzusammenfafsung und damit die großen Siege über die Natur, die Siege der
höheren Rasse über die niedrigere, der besser über die schlechter organisierten Gemein—
wesen verhindert. Niemals hat aber auch der Friede allein geherrscht; ohne Kampf
zwischen den Stämmen und Staaten wäre keine historische Entwickelung entstauden, ohne
Reibung im Inneren der Staaten und Volkswirtschaften wäre kein Weitstreit, kein Eifer,
keine große Anstrengung möglich gewesen.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.—6. Auflage.