Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

6.  Kapitel.  Mangel,  Verlust  und  Sicherung  der  Arbeitsgelegenheit.  113

die  sich  bei  der  gewerbsmäßigen  Stellenvermittelung  gezeigt  haben,
darf  die  Ausbildung  und  Verbreitung  von  Arbeitsnachweisen  angesehen
werden,  die  von  dem  privaten  Erwerbszweck  abgelöst  sind.  Diese
Voraussstzung  ist  sowohl  bei  den  Arbeitsnachweisen  der  Berufsverbände
der  Arbeiter  und  Unternehmer  und  gemeinnütziger  Vereine,  als  auch
bei  den  öffentlichen  (durch  Gemeinden  oder  Staaten  betriebenen)
Arbeitsnachweisämtern  erfüllt,  und  es  muß  in  dem  gegenwärtigen  Zusammenhänge ­
  als  ein  wichtiger  und  wertvoller  Fortschritt  angesehen
werden,  daß  die  nicht  auf  Erwerb  gerichteten  Arbeitsnachweisstellen
in  der  jüngsten  Zeit  große  Ausdehnung  gewonnen  haben.
Arbeitsnachweisstellen,  die  von  Berufsverbänden  der  Arbeiter  errichtet ­
  worden  sind  und  —  zum  Teil  mit  öffentlicher  Beihilfe  —  unterhalten ­
  werden,  sind  in  zahlreichen  Kulturstaaten  vorhanden,  am  meisten
natürlich  da,  wo  die  Berufsverbände  der  Arbeiter  besondere  Verbreitung ­
  gefunden  haben.  In  Großbritannien  unterhalten  die  Gewerkvereine ­
  zahlreiche  Arbeitsnachweisstellen,  von  denen  aber  nur  wenige
Zahlenangaben  bekannt  geworden  sind.  In  Österreich  gab  es  im  Februar ­
  1903  u.  a.  25  Nachweisstellen  von  gewerblichen  Genossenschaften ­
  und  30  von  Gewerkschaften.  Besondere  Erwähnung  verdienen
die  französischen  Arbeitsbörsen  (bourses  du  travail).  Die  Arbeiterfachvereine ­
  unterhalten  —  von  Gemeinden  und  Departements  mit  Mitteln
unterstützt  —  besondere  Klub-  und  Geschäftshäuser,  in  denen  zugleich
der  Arbeitsnachweis  gepflegt  wird.  Die  erste  Arbeitsbörse  wurde  1887
in  Paris  errichtet.  (Sie  war  1893—1896  behördlich  geschlossen.)
1891  waren  bereits  10  Arbeitsbörsen  vorhanden,  die  rund  7000  Personen ­
  unterbrachten,  1897:  33  Börsen,  die  35000  Personen  unterzubringen ­
  vermochten.  Die  neueste  Entwickelung  wird  durch  folgende
Zahlen  gekennzeichnet.  Es  bestanden:
1900  65  Arbeitsbörsen  mit  1350  angeschlossenen  Vereinen  und  239  449  Mitgliedern
1901  75  „  „  1630  „  „  „  276  837
1902  86  „  „  2054  „  „  „  446  368
Die  Arbeitsbörsen  erhielten  1902  von  den  Gemeinden  396045  Frs.
und  von  den  Departements  33950  Frs.  Subvention.  Neuerdings  ist  eine
Verbindung  zwischen  den  Arbeitsbörsen  durch  den  auf  Anregung  des
Handelsministers  entstandenen  Zentralarbeitsnachweis  geschaffen  worden, ­
  der  namentlich  auf  die  Aufstellung  einer  Vakanzenliste  für  alle
beteiligten  Vereine  Bedacht  zu  nehmen  hat.
Auch  die  Arbeitgeberverbände  nehmen  sich  vielfach  des  Arbeitsnachweises ­
  an,  begegnen  aber  dabei  starkem  Mißtrauen  in  den  Arbeiterkreisen, ­
  während  umgekehrt  die  Arbeitgeber  den  Nachweisstellen  der
Arbeiterberufsvereine  vielfach  kein  besonderes  Zutrauen  entgegenbringen. ­
  Es  wird  im  allgemeinen  als  richtiger  angesehen,  neutrale
Stellen  mit  dem  Arbeitsnachweis  zu  betrauen.  Dahin  gehören  zunächst
van  der  Borght  Grundz.  d.  Sozialpolitik.  8
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.