Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

132 
II. Teil. Arbeiterwohlfahrtspolitik. 
Auf weitere Einzelheiten kann hier verzichtet werden. Die große 
Mannigfaltigkeit der eingeschlagenen und empfohlenen Wege zeigt 
schon, daß die Frage der Arbeitslosen Versichrung nicht nur äußerst 
schwierig, sondern auch trotz aller Bemühungen noch wenig geklärt 
ist. Tatsächlich bestehen über fast alle grundlegenden Fragen große 
Meinungsverschiedenheiten. Ob die Versicherung auf freiwilligen oder 
zwangsweisen Beitritt gegründet werden soll, und ob sie in letzterem 
Falle alle Arbeiter oder nur die der Arbeitslosigkeit besonders aus 
gesetzten Arbeiter erfassen soll, ist zunächst noch eine umstrittene 
Frage; daß die Freiwilligkeit hier wie in manchen anderen Beziehungen 
bisher nur beschränkte Wirkung erzielt hat und auch für die Zukunft 
keine Aussichten auf allgemeine Bedeutung bietet, wit$ sich nicht be 
streiten lassen. Das Interesse an der Sache ist in der Arbeiterschaft 
selbst sehr verschieden. Ist auch an sich jeder Arbeiter der Möglich 
keit, ohne eigene Schuld arbeitslos zu werden, nicht entrückt, so ist 
doch die Verwirklichung dieser Gefahr in den einzelnen Berufen sehr 
ungleich. Die Saisonarbeiter haben die Arbeitslosigkeit als eine regel 
mäßig in bestimmten Zeiten wiederkehrende Gefahr zu fürchten und 
sind deshalb viel mehr an einer^Versicherung interessiert, als die Arbeiter 
der ständig zu betreibenden Berufe. Die ungelernten Arbeiter werden, 
soviel sich erkennen läßt, im Verhältnis häufiger arbeitslos, als die 
gelernten, und die Interessen beider Gruppen decken sich durchaus 
nicht. Gerade die am meisten bedrohten Kreise sind aber wenig 
leistungsfähig und deshalb allein kaum zur Durchführung einer lebens 
fähigen Versicherung imstande. Für ihre Schwäche in den Beiträgen 
der weniger bedrängten Kreise der Arbeiter einen Ausgleich zu suchen, 
entspricht dem Grundgedanken der Versicherung, aber nicht dem In 
teresse der letztgenannten Kreise selbst. 
Die Frage der Kostendeckung ist ebenfalls nicht geklärt. Werden 
auch wiederholt Staats- und Gemeindezuschüsse, Arbeitgeber- und Ar 
beiterbeiträge befürwortet, so fehlt es doch auch nicht an ernsten Be 
denken dagegen. Die Beitragslast allein den Arbeitern aufzuerlegen, 
kann bedenklich sein, weil die Last immerhin recht fühlbar ist, zumal 
sie noch zu anderen erzwungenen Versicherungslasten hinzutritt; es 
hätte den Vorzug, daß das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit bei den 
Arbeitern nicht erlahmt, kann aber bei weniger einsichtigen Ar 
beitern den Versuch liervorrufen, von den geleisteten Beiträgen nun 
auch schließlich Nutzen zu ziehen. Aus dieser letzteren Besorgnis er 
klären sich zum Teil die Vorschläge, die eine Rückzahlung der Bei 
träge nach mehrjähriger Mitgliedschaft ohne Eintritt des Versicherungs 
falles bezwecken. 
Der Beitrag aus öffentlichen Mitteln wird namentlich mit Rück 
sicht auf die geringe finanzielle Leistungsfähigkeit der Versicherten
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.