Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

1.  Kapitel.  Begriff,  Wesen,  Aufgabe  und  Schranken  der  Sozialpolitik.  11

weiteres  die  Unterschiede  in  der  Energie  und  Ausdehnung  sozialpolitischer ­
  Eingriffe  von  Land  zu  Land  und  in  den  verschiedenen  Zeiten.
Diese  Unterschiede  beruhen  zum  Teil  auch  auf  der  Verschiedenheit ­
  der  grundlegenden  sittlichen  und  politischen  Auffassungen
und  Gewohnheiten,  wie  sie  sich  ja  bei  jedem  Zweige  der  Politik
geltendmachen.
Die  besprochenen  Schranken  sind  zunächst  für  die  praktische
Sozialpolitik  von  Bedeutung.  Sie  sind  aber  auch  von  der  wissenschaftlichen ­
  Bearbeitung  der  Sozialpolitik  zu  beachten,  und  im  allgemeinen
liegt  mehr  Anlaß  vor,  die  Wissenschaft  hierauf  hinzuweisen,  als  die  Praxis.
Die  Unterschätzung  der  Widerstände,  die  sich  aus  dem  Erläuterten
ergeben,  hat  die  theoretische  Betrachtung  oft  zur  Überschätzung  der
Bedeutung  der  von  ihr  gefundenen  Wege  für  sozialpolitische  Reformen
verleitet.  Als  überall  verwendbares  und  überall  gleich  wirksames
Mittel  wurde  manches  dargestellt,  was  an  vielen  Stellen  überhaupt
undurchführbar,  an  anderen  dagegen  unzulänglich  oder  überflüssig  war.
Oft  genug  glaubte  man,  „die  Lösung  der  sozialen  Frage“  gefunden
zu  haben.  Davon  kann  im  Ernst  keine  Rede  sein.  Was  man  „soziale
Frage“  nennt,  umfaßt  eine  Fülle  von  großen  und  kleinen  Mißständen
in  den  Lebensverhältnissen  des  Arbeiters.  Von  den  Mißständen  sind
manche  in  der  Tat  in  allen  Kulturstaaten  vorhanden,  wenn  auch  im
einzelnen  verschieden  gestaltet;  ob  sie  aber  in  allen  Ländern  mit  denselben ­
  Mitteln  beseitigt  werden  können,  darf  nach  dem  Gesagten
bezweifelt  werden.  Es  wird  zudem  nie  gelingen,  alle  Mißstände  und
allen  berechtigten  Grund  zur  Klage  aus  der  Welt  zu  schaffen,  und
noch  weniger,  alle  Arbeiter  zur  gleichen  Auffassung  über  die  Lage  zu
bringen,  in  der  sie  sich  befinden  würden,  wenn  es  wirklich  gelänge,
alle  Übelstände  der  Welt  zu  beseitigen.  Auch  wenn  man,  wie  es
verständigerweise  geschehen  muß,  so  utopistischen  Träumereien  nicht
nachhängt  und  nur  das  Erreichbare  ins  Auge  faßt,  wird  man  nicht  erwarten ­
  dürfen,  daß  die  beteiligten  Arbeiter  die  zu  ihren  Gunsten
ergriffenen  Maßnahmen  durchweg  gleich  günstig  beurteilen.  Dieser
Umstand  erweist  sich  ebenfalls  als  eine  Schranke  der  Sozialpolitik
insofern,  als  er  deren  moralischen  Erfolg  beeinträchtigt  und  die  Gefahr
hervorruft,  daß  der  vermeintliche  oder  wirkliche  Undank,  der  sich  oft
gerade  in  bezug  auf  wirksame  und  bedeutende  sozialpolitische  Maßnahmen ­
  bei  einem  Teil  der  Arbeiter  zeigt,  abkühlend  auf  den  Eifer  und
die  Energie  der  Träger  der  Sozialpolitik  wirkt.  Man  darf  des  hohen
Zieles  wegen,  um  das  es  sich  handelt,  solchen  Stimmungen  nicht  nachgeben. ­
  Dankbarkeit  ist  eine  seltene  Tugend,  und  in  der  Politik
vollends  darf  man  auf  Dank  nie  rechnen.  Das  Bewußtsein,  die  Pflicht
gegen  die  Gesamtheit  erfüllt  zu  haben,  ist  mehr  wert  als  aller  Dank
und  alle  Anerkennung.
            
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