Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

11.  Kapitel.  Beeinflussung'  der  Arbeitsbedingungen  durcli  Koalitionen.  257
§  2.  Die  Berufsvereine.  Die  Koalitionsfreiheit  ist  nicht  nur  für
vorübergehende  Vereinigungen  zur  Erreichung  eines  bestimmten  Zweckes,
sondern  vor  allem  auch  für  die  dauernden  Organisationen  zur  Beeinflussung ­
  der  Arbeitsbedingungen  von  größter  Bedeutung.  Der  Begrifi'
„Beeinflussung  der  Arbeitsbedingungen“  ist  hier  in  weiterem  Sinne
zu  nehmen.  Er  ist  abgelöst  von  dem  einzelnen  konkreten  Arbeitshältnis
  und  umfaßt  deshalb  auch  die  allgemeinen  rechtlichen,  wirtschaftlichen ­
  und  sozialen  Grundlagen  der  Ausgestaltung  des  Arbeitsverhältnisses ­
  sowohl  für  einzelne  Berufe  in  engeren  oder  weiteren
Gebieten,  als  auch  für  alle  Berufe,  also  für  das  Arbeitsverhältnis  überhaupt. ­
  Die  ständigen  Organisationen  der  Beteiligten  zur  Beeinflussung
der  Grundlagen,  Voraussetzungen  und  Bedingungen  des  Arbeitsverhältnisses ­
  werden  hier  „Berufsvereine“  genannt,  weil  es  sich  dabei  in  letzter ­
  Linie  um  Wahrnehmung  von  Berufs-  und  Standesinteressen  handelt.
Die  Bezeichnung  „Gewerkvereine“,  die  neben  verschiedenen  anderen
noch  vielfach  gebraucht  wird  und  früher  allgemein  herrschte,  wird  in
Deutschland  neuerdings  weniger  angewendet  und  bezeichnet  auch  das
Wesen  der  in  Frage  kommenden  Organisationen  nicht  scharf  genug.
Berufsvereine  im  vorstehenden  Sinne  können  sowohl  von  Arbeitern ­
  als  auch  von  Unternehmern  als  auch  von  beiden  gemeinsam
errichtet  werden.  Im  Vordergründe  des  Interesses  stehen  die  Arbeiterberufsvereine. ­
  Sie  sind  am  frühesten  und  am  weitesten
in  Großbritannien  unter  dem  Namen  Trade  Unions  entwickelt.  Ihre
wechselvolle  und  interessante  Geschichte  braucht  angesichts  der  umfangreichen ­
  und  vortrefflichen  Bearbeitung,  die  sie  besonders  in  der
englischen  und  deutschen  Literatur  gefunden  hat,  hier  nicht  im  einzelnen ­
  verfolgt  zu  werden.  Nur  die  Hauptphasen  der  Entwicklung
seien  kurz  bezeichnet.  Geheime  berufliche  Organisationen  hatten  sich
auch  unter  der  Herrschaft  der  Koalitionsverbote  entwickelt.  Die  Einführung ­
  der  Koalitionsfreiheit  1824  ließ  viele  dieser  Vereine  in  das
Licht  der  Öffentlichkeit  treten  und  eine  große  Zahl  neuer  Vereine
entstehen.  Das  Jahr  1825  brachte  eine  wesentliche  Einschränkung
der  Koalitionsfreiheit  (vgl.  §  1).  Dies  und  nicht  minder  der  wirtschaftliche ­
  Rückgang  1825—1829  engte  die  Bewegung  sehr  ein  und
verhinderte  Erfolge  der  von  den  Vereinen  eingeleiteten  Lohnbewegung.
Die  Folge  war,  daß  sich  die  Arbeiter  jetzt  mehr  dem  politischen
Ziele  der  Erlangung  des  allgemeinen  Wahlrechtes  zuwandten.  Das
Ziel  wurde  nicht  erreicht,  da  die  Parlamentsreform  von  1832  den  Ansprüchen ­
  der  Arbeiter  nicht  gerecht  wurde.  Inzwischen  hatte  seit
1829  der  von  sozialistischen  Ideen  erfüllte  Fabrikant  Robert  Owen
eine  neue  Organisation  der  Arbeiter  zu  entwickeln  gesucht.  Sie  sollte
die  von  ihm  vorausgesetzte  Interessensolidarität  der  Arbeiter  überhaupt ­
  zum  Ausdruck  bringen  durch  einen  alle  Berufe  umfassenden
van  der  Borght,  Grundz.  d.  Sozialpolitik.  17
            
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