Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

11. Kapitel. Beeinflussung der Arbeitsbedingungen durch Koalitionen. 275 
lind Gehilfen bestehend und durch einen besoldeten Sekretär unter 
stützt. Streitigkeiten über Auslegung des auf 5 Jahre festgesetzten 
neuen Tarifs werden durch Schiedsgerichte geschlichtet, die an allen 
Kreisorten und auf Antrag von je 2 tariftreuen Prinzipalen oder Ge 
hilfen an den größeren Druckorten errichtet werden. Gegen ihre Be 
schlüsse, falls sie nicht mindestens mit 2/3 Mehrheit gefaßt sind, findet 
Berufung an das Tarifamt statt. Dem Tarifamt unterstehen ferner 
die an den größeren Orten zu errichtenden Arbeitsnachweise. Der 
neue Tarif selbst, der am 1. Juli 1896 in Kraft trat, enthält außer 
den Vorschriften über die Lohnberechnung und Arbeitszeit die Be 
stimmung, daß der Prinzipal die Gehilfen voll beschäftigen oder sie 
anderenfalls für die Zeitversäumnis nach dem Durchschnitt der letzten 
30 Tage zu entschädigen hat. Der Tarif wurde 1901 revidiert und 
abermals auf 5 Jahre vereinbart. Dabei wurde u. a. die Einrichtung 
von Kreisämtern, welche die Lokalzuschläge der einzelnen Druckorte 
zu regeln haben, und die Bildung paritätischer Arbeitsnachweise inner 
halb der Tarifgemeinschaft vorgesehen. Die Zahl der tariftreuen 
Druckereien hat sich ständig vermehrt. 1897 war ihre Zahl 1631 
mit 18 340 Gehilfen an 469 Orten. Im Frühjahr 1904 waren es 4559 
Firmen mit 41 500 Gehilfen an 1382 Orten. 
In ähnlicher Weise haben sich neuerdings in zahlreichen deut 
schen Gewerben, z. B. im Buchbinder-, Bau-, Metallverarbeitungs-, 
Holzverarbeitungs-, Töpfer-, Steinsetz-, Baugewerbe usw. eine be 
trächtliche Anzahl von Tarifgemeinschaften für engere Bezirke und 
meist auf kürzere Perioden (1 oder 2 Jahre) gebildet. Ein Teil dieser 
Gemeinschaften ist freilich in ungünstigen Jahren wieder zugrunde 
gegangen. Außerdem ist zu erwähnen, daß sich nach dem Vorbilde 
des schon genannten Schweizer Stickereiverbandes 1889 im Königreich 
Sachsen ein sächsischer Stickereiverband zur Hebung der Hand- 
mascliinenstickerei in Sachsen, zu ihrer Erhaltung auf gesunder Basis, 
zur Bekämpfung der Überproduktion und zur Besserung der Lohn 
verhältnisse gebildet hat. Der Verband hatte in den ersten Jahren 
gute Erfolge, hat aber in der Zeit des Niederganges der sächs. Stickerei 
industrie in den 90 er Jahren seine Bedeutung verloren. Auch in der 
Rheinisch-Westfälischen Kleineisenindustrie (Solingen, Remscheid usw.) 
sind in den 80 er und 90 er Jahren gemeinsame Organisationen der Arbeit 
geber und der Arbeiter entstanden, ohne indes dauernde Erfolge zu erzielen. 
Die Erfahrungen mit den gemeinsamen Organisationen sind nach 
allem sehr ungleich, und es scheint fast, als ob ihre Widerstandsfähig 
keit in schlechten Zeiten nicht besonders groß ist. Das ließe sich 
damit erklären, daß in solchen Zeiten die Unterordnung unter einen in 
günstigeren Jahren geschlossenen Tarif vielen Einzelinteressen ent 
gegensteht, wodurch sich der innere Zusammenhang beträchtlich lockern 
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