Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

2. Kapitel. Voraussetzungen der Sozialpolitik. 
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Arbeitsfähigkeit, für das Alter, für die Hinterbliebenen im Falle des 
Todes, für die Zeit der Arbeitslosigkeit daraus in vielen Fällen nicht 
die nötige Sicherstellnng erreicht werden kann, läßt sich nicht be 
streiten, namentlich dann nicht, wenn die Beschaffung der Wohnge- 
legenheit dauernd einen unverhältnismäßig großen Teil des Einkommens 
verschlingt. 
Schlimmer noch ist die Unsicherheit, der der Arbeiter gerade 
in bezug auf den Einkommenserwerb überhaupt ausgesetzt ist. 
Nicht nur daß der Arbeitsvertrag seine Entlassung mit kurzen 
Kündigungsfristen ermöglicht, auch die Möglichkeit, Arbeitsgelegenheit 
zu finden, ist vielfachen Schwankungen unterworfen. Der Wechsel 
der Marktverhältnisse wird dem arbeitsfähigen und arbeitswilligen 
Arbeiter oft verhängnisvoll. Es kann nicht geleugnet werden, daß 
die Festigung der Industrie durch vernünftige Beschränkung über 
triebenen Wettbewerbs, die Sicherung ihres Absatzes nach innen und 
nach außen durch verständige Wirtschaftspolitik, die Stärkung ihrer 
Kapitalkraft nnd dadurch ihrer Widerstandsfähigkeit gegen schwierige 
Zeiten und dgl. den Einfluß ungünstiger Verschiebungen auf die 
Arbeitsgelegenheit abschwächt, und daß gerade große Unternehmungen 
oft zu diesem Zwecke bedeutende Opfer auf sich nehmen. Aber in 
vielen Fällen sind die Verhältnisse stärker als der beste Wille, und 
der Arbeiter kann dann ohne eigene Schuld in Not und Elend geraten. 
Schon das zeigt, wie unentbehrlich die Sozialpolitik ist. Gegen den 
Einfluß mancher ungünstiger Ereignisse und Verschiebungen und gegen 
manchen Mißstand — vorstehend sind nur die augenfälligsten er 
wähnt — kann der Arbeiter sich durch freiwilligen Zusammenschluß 
mit anderen schützen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, daß sich 
dieses Weges doch nur ein Bruchteil der Arbeiter bedienen kann. 
Die Hauptmasse ist außerstande, sich selbst hinreichend zu sichern. 
Sie bedarf der Führung, Leitung und oft auch der materiellen Mit 
wirkung von anderer Seite, wenn Erfolge von Bedeutung erzielt 
werden sollen. 
An der sachlichen Notwendigkeit der Sozialpolitik ist nicht zu 
zweifeln. Ob und wie weit die sachliche Möglichkeit dazu vorliegt, hängt 
in nicht geringem Grade von der wirtschaftlichen Lage der beteiligten 
Arbeitgeber und auch der Arbeiter, von dem Gedeihen der beteiligten 
Berufszweige im ganzen, von dem Wohlstand der Nation überhaupt 
ab. Arme Völker und Produktionszweige können keine wirksame 
Sozialpolitik treiben, weil sie deren Opfer nicht tragen können, und 
weil deshalb die schon besprochenen Schranken der Sozialpolitik, die 
sich aus der Tragfähigkeit der zunächst beteiligten Kreise ergeben, 
so eng gezogen werden müssen, daß durchgreifende Erfolge ausge 
schlossen sind. So selbstverständlich das ist, so oft wird gerade diese
	        
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