Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

12. Kapitel. Die Arbeiterversicherung. 
381 
innerhalb der Arbeiterversicherung würde ernsten Bedenken begegnen. 
Ob die Rente in Bruchteilen der Invalidenrente oder in festen Be 
trägen — entweder einheitlich für alle Lohnklassen oder abgestuft 
nach Lohnklassen — berechnet werden soll, kann zweifelhaft sein, ist 
aber nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Die Kente an das Vor 
handensein des Bedürfnisses zu binden, wie es auf den erwähnten 
Arbeiterversicherungskongreß von 1902 durch Maurice Bellom vor 
geschlagen worden ist, würde zwar die Versicherungslast erleichtern, 
aber bei Mitbeteiligung der Arbeiter an den Beiträgen auf vielfachen 
und nachhaltigen Einspruch treffen. 
Daß bei dem jetzigen Stande der deutschen gegenüber der fremd 
ländischen obligatorischen Arbeiterversicherung der Entschluß zur Ver 
wirklichung der Witwen- und Waisenversicherung den Beteiligten nicht 
leicht wird, kann nicht auffallen. Wenn aber der Versuch, die Durch 
führung der Versicherung zu regeln, in eine Zeit günstiger wirtschaft 
licher Entwicklung fiele, würde mancher Widerspruch unterbleiben. 
Daß an und für sich das Fehlen einer Witwen- und Waisenversicherung 
eine große Lücke in der Arbeiterversicherung bedeutet, wird fast all 
gemein anerkannt. 
§ 6. Die allgemeine Bedeutung der obligatorischen Arbeiterversiche 
rung. Daß die eigentlichen Versicherungsleistungen, also die greif 
barste Wirkung der obligatorischen Arbeiterversicherung, nament 
lich in Deutschland sehr beträchtlich sind, haben die vorhergehenden 
Betrachtungen hinlänglich gezeigt. Von 1885—1903 hat die deutsche 
Arbeiterversicherung über 4 Milliarden Mark auf G-rund erworbener 
Rechtsansprüche an Versicherungsleistungen den Arbeitern und ihren 
Angehörigen und Hinterbliebenen gewährt. Niemand wird leugnen, 
daß auch mit diesen großen Summen nicht jedem, der es nötig hatte, 
in dem erwünschten Umfange hat geholfen werden können. Manche 
Lücke und auch manche Härte hat sich gewiß nicht vermeiden lassen. 
Aber deswegen den großen Fortschritt leugnen zu wollen, der durch die 
obligatorische Arbeiterversicherung erzielt ist, wäre eine völlige Ver 
kennung der Tatsachen. Auch diejenigen, welche bemüht sind, die 
Wirkungen der Arbeiterversicherung möglichst zu verkleinern, würden 
bei einem Versuch, die Beseitigung der Versicherung herbeizuführen, 
an dem Widerstande der Arbeiter scheitern. 
So hoch man aber auch die eigentlichen Versicherungsleistungen 
einschätzen muß, so sind sie doch nicht die einzige, vielleicht nicht 
einmal die wichtigste Wirkung. Tatsächlich greifen die Wirkungen 
viel weiter, und der Arbeiterversicherung kommt eine ungemein hohe 
allgemeine Bedeutung zu. Über diese Bedeutung im einzelnen gibt u. a. 
des Verfassers Aufsatz „Die soziale Bedeutung der deutschen Ar 
beiterversicherung“ in der „Festgabe für Johannes Conrad“ (Jena 1898)
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.