Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

478 III. Teil. Selbständige sozialpolitische Arbeit der Selbstverwaltungskörper usw. 
aus dem Mitgliederbestände hervorgegangen, und ihnen stehen die aus 
führenden Arbeiter in bezug auf Wissen, wirtschaftliche Lage und 
soziale Stellung sehr nahe. Aus einer derartigen Doppelstellung er 
geben sich große innere Schwierigkeiten. Es ist den meisten Menschen 
leichter, sich anderen unterzuordnen, die an Wissen, Besitz, Einkommen, 
gesellschaftlicher Stellung höher stehen, als denjenigen, denen sie sich 
im Grunde gleichfühlen. Dazu kommt die Schwierigkeit für die Mit 
glieder, die Verluste ungünstiger Zeiten zu überdauern. Das ist für 
niemand so schwer, als für den, der allein auf ständige Verwertung 
seiner Arbeitskraft angewiesen ist. Es gehört viel Selbstzucht, Opfer 
willigkeit und Entsagung dazu, unter solchen Verhältnissen seine 
Existenz dauernd an das genossenschaftliche Unternehmen zu binden. 
Immer wird es nur ein kleiner Bruchteil der Arbeiter sein, der dazu 
fähig und bereit ist. Man könnte daran denken, diese Schwierigkeiten 
zu vermindern dadurch, daß die ausführende Arbeit nicht lediglich 
Mitgliedern der Genossenschaft, sondern angeworbenen, im gewöhn 
lichen Lohnverhältnis stehenden Arbeitern ganz oder zum Teil über 
tragen wird. Aber damit verändert sich der Charakter der Produktiv 
genossenschaft. Gerade die Erhebung der Arbeiter zur Unternehmer 
stellung wird dadurch beeinträchtigt oder überhaupt unmöglich. Die 
sozialpolitische Wirkung, die man von den Arbeiterproduktivgenossen 
schaften erwartet, käme dabei jedenfalls zu kurz. 
Nach allem wird die Produktivgenossenschaft nur unter bestimm 
ten Voraussetzungen Vorteile für die Arbeiter bringen, und es wird 
immer nur ein verhältnismäßig kleiner — und zwar in der Regel ge 
rade der ohnehin besser gestellte — Teil der Arbeiterschaft sein, der 
die sozialpolitischen Wirkungen der Produktivgenossenschaften ge 
nießen kann. 
§ 4. Konsumvereine. Die genossenschaftlichen Konsumvereine haben 
fast überall eine wichtige Stellung im ganzen Genossenschaftswesen 
erlangt. Zum Teil ist die Entwicklung überraschend günstig gewesen. 
Seit der Begründung des Kramladens der „Pioniere von Rochdale“ 
1844 hat sich nicht nur dieser, die neuere Entwicklung einleitende 
Konsumverein zu einer hervorragenden Bedeutung durchgearbeitet, 
sondern es ist auch allenthalben eine große Zahl gleichartiger Ge 
nossenschaften entstanden, nicht mit ähnlichem, aber doch oft mit sehr 
ansehnlichem Erfolge. Ein beträchtlicher Teil der Aufgabe, die sonst 
dem Kleinhandel zufiel, wird jetzt von den Konsumenten selbst auf 
genossenschaftlichem Wege durchgeführt. Über die Verbreitung und 
Tätigkeit der Konsumvereine seien hier einige Zahlen eingefügt. 
In Großbritannien waren 1897 unter 1710 Genossenschaften 1487 
Konsumvereine mit einem Umsatz von 1132 Mill. M. und einem Ge 
schäftsgewinn von 128 Mill. M. 1900 waren unter den 1832 Genossen
	        
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