Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

486  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  III.  Sonstige  Kernfragen.

verkehr.  Vor  allen  Dingen  beträgt  allein  der  Spezialhandel,  den  wir  mit  diesen
Ländern  und  der  Schweiz  pflegen,  in  der  Einfuhr  1153  Millionen  Jl,  d.  s.  mehr  als
20  %  unserer  gesamten  Einfuhr  und  in  der  Ausfuhr  1189  Millionen  Jl,  d.  f.  27  %
unserer  ganzen  Ausfuhr.*)
Was  diese  Länder  an  Fabrikaten  vom  Ausland  beziehen,  erhalten  sie  —  soweit
es  nicht  bereits  deutschen  Ursprungs  ist  —  entweder  von  einem  der  andern  mitteleuropäischen ­
  Staaten,  die  ja  —  Rumänien,  Bulgarien,  Serbien  ausgenommen  —
bereits  alle  mehr  oder  minder  hochentwickelte  Industriestaaten  sind,  oder  von  England,
das  indessen  nach  allen  diesen  Ländern  erheblich  weniger  Fabrikate  ausführt  als
Deutschland.  In  den  zu  verdrängenden  englischen  Absatz  würden  sich  alle  mitteleuropäischen ­
  Staaten  zu  teilen  haben,  so  daß  auf  jeden  von  ihnen  nicht  viel  entfallen
dürfte,  wenn  auch  auf  Deutschland  das  meiste.
Nun  ist  zwar  mit  Sicherheit  anzunehmen,  daß,  weil  die  deutsche  Industrie  in
sehr  viel  Zweigen  denen  der  andern  in  Betracht  kommenden  Staaten  überlegen  ist,  sie
nach  Aufhebung  der  gegenseitigen  Zollschranken  die  dortige  Industrie  nach  ihren
eigenen  Absatzgebieten  verdrängen  würde.  Andererseits  würde  die  belgische,  französische, ­
  Schweizer,  italienische  und  österreichische  Industrie  —  da  sie  vom  übrigen  Weltmarkt ­
  abgedrängt  wäre  —  der  deutschen  im  eigenen  Land  und  auf  den  übrigen  mitteleuropäischen ­
  Märkten  in  vielen  Zweigen  einen  sehr  unbequemen  Wettbewerb  machen.
Aber  immerhin  angenommen,  daß  in  dieser  Konkurrenz  der  beteiligten  Länder
untereinander  sich  die  Bilanz  zugunsten  Deutschlands  stellte,  so  würde  dies  einmal  nicht
im  entferntesten  einen  Ersatz  für  den  sonstigen  damit  aufs  höchste  gefährdeten  Welthandel ­
  geben,  sodann  aber  —  und  dies  nicht  mit  Unrecht  —  das  Mißvergnügen  der
weniger  gut  fortkommenden  mitteleuropäischen  Staaten,  namentlich  der  industriell
nicht  so  fortgeschrittenen,  erregen.
Gesetzt  auch,  da  man  auf  den  Austausch  mit  anderen  Wirtschaftsgebieten  nicht
verzichten  kann,  ein  so  umfangreicher  Zollverein  vermöchte  ein  größeres  Schwergewicht ­
  bei  Handelsvertragsverhandlungen  in  die  Wagschale  zu  werfen,  als  dies  heute
Deutschland  vermag,  so  ist  damit  doch  noch  keineswegs  gesagt,  daß  dies  eine  Stärkung
seiner  Position  bei  solchen  Verhandlungen  bedeutet.  Da  —  mit  alleiniger  Ausnahme
der  unteren  Donaustaaten  —  alle  seine  Teilnehmer  auf  die  Einfuhr  von  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnissen  angewiesen  sind,  da  alle  —  ohne  Ausnahme  —  ihren  Bedarf
an  tierischen  und  pflanzlichen  Spinnstoffen,  an  Kolonialwaren,  Gewürzen,  Gerbstoffen,
gewissen  Rohstoffen  der  chemischen  Industrie,  an  edlen  und  gewissen  unedlen  Metallen
rc.  rc.  entweder  gar  nicht  oder  nur  zum  kleinsten  Teil  zu  decken  vermögen,  also  die
Einfuhr  gar  nicht  entbehren  könnten,  während  für  die  Ausfuhr  tatsächlich  nur  Fabrikate ­
  in  Betracht  kommen,  so  würde  die  Situation  eine  viel  weniger  günstige  sein,
als  wenn  jeder  Staat  einzeln  mit  dem  andern  verhandelt,  wo  er  für  irgendeine  Zollermäßigung
  den  Nachlaß  einer  andern  herausschlagen  kann,  die  schließlich  durch  die
Meistbegünstigung  auch  andern  zuteil  wird,  ebenso  wie  er  von  den  Errungenschaften
der  Verhandlungen  dritter  Staaten  auf  diesem  Wege  profitiert.
Was  an  diesem  Gedanken  Brauchbares  ist,  das  hat  man  bei  den  Vertragsverhandlungen ­
  1891  angewendet,  wo  sich  zuerst  Österreich  und  Deutschland  verständigten, ­
  dann  erst  mit  Italien  verhandelten  und  dann  immer  dem  Hauptinteressenten

*)  Unser  Spezialhandel  mit  Frankreich,  Italien,  Rumänien,  den  Niederlanden,  Belgien
und  der  Schweiz  betrug  im  Jahre  1910  in  der  Einfuhr:  1601,2  Millionen  Jl  =  18  %  unserer
gesamten  Einfuhr  und  in  der  Ausfuhr:  2274,6  Millionen  Jl  —  30,4  °/ 0  unserer  gesamten
Ausfuhr.  Statistisches  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich.  Herausgegeben  vom
Kaiserlichen  Statistischen  Amte.  32.  Jahrgang  1911.  Berlin,  Puttkammer  &  Mühlbrecht,
1911.  S.  278—281.  —  G.  M.
            
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