6. Handel und Moral.
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die Völker mit ihren mannigfachen Anlagen und Kräften sich gegenseitig
Entwicklung unterstützen. Ohne ihn verliert jede Privatarbeit ihre gesell-
Bestimmung, ihre Beziehung zum Gemeinwohl. Aber es gibt vom Handel
^Nen sittlichen Gebrauch und einen unsittlichen Mißbrauch. Die Sozialisten schildern
^Ur den letztern und begreifen unter dem Handel nur den Wucher, der auf die Not
^Nd das Unglück anderer spekuliert; sie schildern nur den menschlichen Egoismus,
wie er sich auf dem Gebiete des Verkehrs zeigt. Das Mißtrauen, die Verheim
lichung der wahren Eigenschaften eigener Produkte und das Streben, von der Un-
onntnis anderer Vorteil zu ziehen, sind nicht die notwendigen Gefährten des Han-
els, sondern Äußerungen derselben menschlichen Selbstsucht, die sich auch vor dem
^erkehr durch andere Mittel offenbarte, und die gerade um so mehr aus dem Ver-
te I)re verschwinden, je ausgebildeter das Gewerbe des Handels ist.
^ Was aber die nationalökonomischen Nachteile des Handels betrifft, welche die
Sozialisten hervorheben, so beruhen diese ebenfalls auf einer einseitigen Partei-
^üffassung des Lebens, welche einzelne Mißbräuche der Sache für den allgemeinen
Gebrauch derselben ausgibt.
Sie sagen: Der Handel beschäftigt eine Menge überflüssiger Zwischenpersonen,
solche nur konsumieren und die Waren verteuern. Aber der wahre Handel beschäftigt
'w Gegenteil eine Menge Personen, welche dadurch produzieren, daß sie die Güter
Urteilen, Überfluß und Mangel ausgleichen und durch ihre Arbeit den Konsumenten
oie Waren verwohlfeilern.
^ Sie sagen: Die produktiven Gewerbe verlieren durch den Handel eine Menge
Arbeitskräfte. Aber im Gegenteil, die übrigen Gewerbe gewinnen durch den Handel
Arbeitskräfte, weil der Kaufmann die ganze Arbeit verrichtet, welche ohne denselben
leder Produzent mit weit mehr Zeitaufwand selbst verrichten müßte.
Sie sagen endlich: Der Handel beherrscht Produktion und Konsumtion; aber der
Gondel wird vielmehr durch die Produktion und Konsumtion beherrscht und steht mit
Ariden wirtschaftlichen Tätigkeiten in fortwährender Wechselwirkung. Er verteilt, was
wo Produktion ihm zur Verteilung überliefert, und übergibt die Produkte den Kon
sumenten, die ihrer bedürfen.
Wo er allein den Markt beherrscht, wo er die kleinen Produzenten nötigt, unter
°em Wert zu verkaufen, und die Konsumenten, über den Wert zu kaufen, da ist er
^den ausgeartet, da ist er nicht mehr Handel, sondern Wucher. Alle jene unmoralischen
Auswüchse des Verkehrs, Aufkauf, Börsenspiel usw. sind durchaus verwerflich, aber
durch ihre Verwerflichkeit wird nicht die redliche Tätigkeit des Kaufmanns und die
Uationalökonomische Produktivität seiner Arbeit widerlegt. Aus dem Mißbrauche des
Handels folgt nicht die Notwendigkeit seiner Aufhebung, sondern die Notwendigkeit
seiner Veredelung.
dllen wie
su ihrer
schaftliche
6. Handel und Moral.
Von Viktor Böhmert.
Böhmert, Handelshochschulen. 2. Aufl. Dresden, O. V. Böhmert, 1897. S- 50—53.
Man glaubt im Publikum vielfach, daß bei kaufmännischen Geschäften andere
Grundsätze maßgebend und erlaubt seien als bei anderen Vertragsabschlüssen. Man
hält es vielfach für zulässig, bei Handelsgeschäften seinen Kontrahenten oder Kon
kurrenten irrezuführen, um höhere als sachlich gerechtfertigte Gewinne einzuheimsen.
Der Amerikaner verbindet mit dem Worte „smurtness" einen ganz besonderen
Begriff erlaubter kaufmännischer Schlauheit und Geriebenheit. Auch der Deutsche