Full text : Organisierte Arbeit

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35.  KAPITEL.
Moralische  und  wirtschaftliche  Gesichtspunkte ­
  des  Streiks.
Man  kann  die  Streiks  vom  praktischen  oder  vom  idealistischen
Standpunkt  aus  betrachten.  Vom  idealistischen  sind  sie  eine  rohe
Form  der  Austragung  von  Wirtschaftsstreitigkeiten;  eine  Frage
der  Ausdauer  und  Macht,  nicht  des  Hechtes;  wie  jeder  Krieg,
von  Grausamkeit  und  Leiden  begleitet  ;  wie  ein  Lehnskonflikt,  in
den  ausser  den  unmittelbar  Streitenden  eine  Masse  anderer  mit
verwickelt  werden.  Und  so  könnte  vom  idealistischen  Gesichtspunkt ­
  aus  die  Notwendigkeit  der  Streiks  eine  der  stärksten  Anklagen ­
  gegen  unsere  Gesellschaftsordnung  bilden.
Könnte  auf  irgend  eine  Weise  eine  allmächtige,  allweise  und
allgütige  Regierung,  ohne  Freiheit  und  Gedeihen  der  einzelnen
zu  verletzen,  Entschädigungsraten  und  Bedingungen  für  alle  Arbeiter ­
  festsetzen,  sei  es  nun  in  einer  idealen  Form  des  Sozialismus
oder  durch  eine  derartige  Harmonisierung  der  Klasseninteressen,
dass  nicht  zwei  Menschen  dasselbe  Gut  begehrten,  —  dann  wären
Streiks  allerdings  überflüssig.  Bei  der  Unvollkommenheit  der
Menschheit  bestehen  sie  aber  einmal,  können  sie  durch  die  Gewerkschaften ­
  höchstens  gemildert  und  in  ihrer  Zahl  beschränkt  werden.
Wie  schon  erwähnt,  muss  mit  zunehmender  Stärke  und  Ruhe
der  Arbeiterorganisationen  das  Verhältnis  zwischen  Arbeit  und
Kapital  sich  bessern.  Die  wirtschaftliche  Erziehung  beider  Parteien
führt  sie  von  überstürzten  Kriegserklärungen  zum  Verhandlungstisch, ­
  und  nur  wo  eine  von  beiden  unvernünftig  und  unbelehrbar
ist,  wird  sie  die  Folgen  fühlen  müssen.
Die  Verantwortlichkeit  liegt  immer  auf  der  Seite,  die  den
entscheidenden  Schritt  getan  und  die  Kriegserklärung  ausgesprochen ­
  hat.  Und  da  man  oft  nicht  entscheiden  kann,  auf  welcher
Seite  die  Feindseligkeiten  begonnen  wurden,  lässt  sich  zwischen
Streik  und  Aussperrung  auch  keine  feste  Grenze  ziehen.
Nicht  nur  Feinde,  sondern  auch  viele  Freunde  der  Arbeiter
behaupten,  ein  Streik  mache  sich  niemals  bezahlt.  In  einem  Monat
werde  mehr  verloren,  als  man  hoffen  könne,  in  Jahren  wieder  zu
gewinnen.  Diese  Pfennigrechnung  ist  ebenso  unvollständig  wie
            
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