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50. KAPITEL.
Gewerkschaftsbewegung
und amerikanische Demokratie.
Während des Anthrazitkohlenstreikes von 1902 griffen mich
einige Zeitungen an wegen meines angeblich unbesonnenen Handelns,
gerade als hätte ich die 150 000 zum Streik aufgerufen.
Ebenso lächerliche Kritiken kann man allerwärts gegen Gewerkschaftsbeamte
hören. Wer sich als Arbeiterfreund aufspielen will,
nimmt den armen, schutzlosen Mann gegen die grausame Organisation
in Schutz. Hie Tyrannei des Unternehmers sei nichts gegen
die Tyrannei der Vereinigung und ihrer Beamten, und ein unverantwortlicher
Agent derselben könne Tausenden ihr Brot rauben.
Den vollen Unsinn solchen Geschwätzes kann nur der begreifen,
der in der Arbeit der Organisation gestanden hat, und nicht nur
Mitläufer war. Das amerikanische Ideal einer Regierung des
Volkes durch das Volk und zum Besten des Volkes ist in den
Gewerkschaften aller Länder am nächsten erreicht und am sichersten
garantiert. Keine politische oder andere Organisation selbst in
Amerika kann diesen Grad von Demokratie irgendwie erreichen.
Das Wesen der Demokratie ist Gleichheit; sozial, wirtschaftlich
und politisch stehen sich die Mitglieder der Ortsgruppen
so nahe als möglich. Alle, die diesen wöchentlichen oder monatlichen
Versammlungen beiwohnen,, sind Leute fast der gleichen
Erziehung und erhalten fast die gleichen Löhne. Der Vorsitzende
der Ortsgruppe arbeitet den Tag über im Gewerbe und widmet
seinen Abend unentgeltlich seinen Brüdern. Die Machtgrenzen
dieser Vertrauensperson sind sehr eng festgelegt und jede Massregel
gegen Missbrauch getroffen; dazu ist fast jedes Mitglied in
der Lage, die Arbeit der Ortsgruppenbeamten persönlich zu beurteilen.
Die Ämter wechseln prinzipiell und werden oft nicht
länger als ein halbes Jahr bekleidet.
Dasselbe gilt für den Agenten (walking delegate) oder wie
er meist genannt wird, Geschäftsführer (business agent). Er ist
der best gehasste unter allen Menschen des gegenwärtigen Wirtschaftslebens.
Man nannte ihn den Laufagenten, nicht weil eilieber
herumgelaufen wäre als zu arbeiten, sondern weil er meist