86 Zweiter Teil. Lande!. III. Zur Geschichte von Lande! und Industrie.
Inhabers stehenden (1836 abgebrannten) Gießhause betrieben wurde. Während die
Fabrik jetzt mehr als 1000 Arbeiter beschäftigt*), waren damals nur einige 30 Arbeiter
in ihr tätig. Ständige Fabrikate waren nur Kirchenglocken und Feuerspritzen. Auch
die hübsche Wetterfahne in Form eines Kleeblattes, welche bis vor kurzem die Spitze
des Martinsturmes zierte, war im Jahre 1825 bei Lenschel gemacht. Zwar wurden
mitunter auch größere Werke dort hergestellt, z. B. eine große Maschine zur Wasser
hebung für ein Larzbergwerk, Kanonen für die Militärverwaltung usw. Das waren
aber nur Ausnahmen. Wo für die Arbeit eine höhere Kraft erforderlich war, wurde
sie dadurch beschafft, daß ein oder zwei Pferde ein Göpelwerk drehten. Das war
der Fabrikbetrieb der damaligen Zeit. Natürlich gab es damals auch noch keine
Arbeitseinstellungen. War ein Arbeiter mit seinem Lohne nicht zufrieden, so kündigte
er seinem Dienstherrn. Dieser aber fand ohne Schwierigkeit Ersatz.
Das Kleingewerbe trieb sein Geschäft in den Banden des Zunftzwanges. Da
diese Verhältnisse noch bis in die neuere Zeit bestanden haben, so dürfen sie als noch
in aller Erinnerung lebend unterstellt werden. Einzelne geringe Gewerbe wurden auch
innerhalb der Stadt noch im Umherziehen betrieben. Der Scherenschleifer etablierte
sich mit seinem fahrbaren Karren bald an dieser, bald an jener Straßenecke. Ein
ständiges Getön auf den Straßen war auch die Pfeife des Lumpensammlers (Lose-
lümpers), welcher, ein höchst eintöniges Stückchen blasend, einherzog und dadurch seine
Anwesenheit meldete. Jetzt weiß man in Kassel nichts mehr von diesen fahrenden Leuten.
Der Landet beschränkte sich naturgemäß auf solche Gegenstände, deren Versendung
mittels der damaligen Transportmittel ohne übermäßige Verteuerung möglich war.
Dadurch waren die wichtigsten Gegenstände des jetzigen Großhandels für diesen aus
geschlossen. Der Kaufmann war vorzugsweise Kleinhändler. Manche Landelszweige
knüpften sich fast ausschließlich an bestimmte Geschäfte. Wer z. B. in Kassel Kinder
spielzeug kaufen wollte, ging zu dem „Bilderkrämer" am Markte. Für manche Landels
zweige hatten auch noch die Ausländer einen hergebrachten Vorzug. Südfrüchte führte
„der Italiener". Auch der einzige Kunsthändler (Botinelli), sowie der Verfertiger von
Wettergläsern (Fiorino) waren italienischer Lerkunft. Der erste Luttnacher Kassels
war ein Franzose (Parisot). Die Inhaber der Konditoreien nannte man „Schweizer
bäcker"; und mehrere derselben entstammten auch wirklich dem Engadin. Endlich gab
es damals in Kassel auch noch einen Schwertfeger, in dessen Schauladen zwei geharnischte
Männer das Staunen von uns Kindern erregten. Seitdem ist dieses Gewerbe völlig
ausgcstorben.
Noch wenig entwickelt war die Reklame. Zwar hatte man schon Schauläden
an den Fenstern; aber sie waren von bescheidener Einrichtung und niemand dachte
daran, durch kolossale Spiegelscheiben und prachtvolle Warenauslagen dem Publikum
zu imponieren, öffentliche Anschläge, die an den Straßenecken gemacht wurden, —
denn die Litfaßsäulen sind erst seit 1867 eingeführt — kamen nur zu Meßzeiten für
Sehenswürdigkeiten vor. Aber auch die Reklame durch die Zeitungen wurde nicht
in der gegenwärtigen Weise betrieben. Wohl machte derjenige, welcher ein Geschäft
eröffnete oder sein Geschäftslokal verlegte, sowie auch derjenige, welcher soeben eine
neue preiswürdige Sendung von Waren empfangen, dies durch die Zeitung bekannt.
Auch fremde Kaufleute, welche die Messe beziehen wollten, pflegten dies durch die
Zeitung anzukündigen. Aber das ständige Wiederholen der nämlichen Anzeige unter
Benutzung aller denkbaren Formen der Anpreisung, wie es jetzt vielfach vorkommt, ist
erst im letzten Menschenalter, und zwar durch das Beispiel Johann Loffs, aufgekommen.
*) Nach Kletterhausen (in; Festschrift zur 75. versammlurg deutscher Naturforscher und
Ärzte. Kassel, Druck von £. Döll, $03. 5. 352) betrug die Zahl der Beamten und Kleister Lude
lNai $03 222, die der Arbeiter 2052. — <5. Kl.