Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

104  Zweiter  Teil.  Kandel.  V.  Kandelsunternehmung  rc.
zubieten.  Ganz  selbstverständlich  ist  dies  zu  jederzeit  von  denjenigen  Stellen,  die  mehr
oder  weniger  den  Charakter  von  Vertrauensposten  besitzen.  Für  diese  bestimmt  sich
auch  das  Gehalt  immer  nach  durchaus  individuellen  Faktoren.  Die  Gehilfen  in  den
kleineren  Geschäften  und  die  ganze  Klasse  der  Ladengehilsen  allerdings  stehen  durchschnittlich ­
  mit  ihrem  Gehalte  nicht  viel  besser  als  gut  bezahlte  ausgebildete  Lohnarbeiter,
und  die  höheren  Anforderungen,  denen  sie  in  bezug  auf  Kleidung  und  Äußeres  genügen
müssen,  bilden  für  sie  eine  besondere  Belastung.  Zu  diesen  Kreisen,  die  sich  größtenteils
aus  den  oft  ungenügend  vorgebildeten  Söhnen  des  unbemittelten  Gewerbe-  und  Kandwerkerstandes
  rekrutieren,  hat  sich  in  der  neueren  Zeit  einerseits  infolge  der  zunehmenden
Äberfüllung  und  andererseits  durch  die  auf  Verkürzung  der  Arbeitszeit  gerichteten
Besttebungen  der  Boden  für  eine  „soziale  Frage  im  Kaufmannsstande"  gefunden,
die  übrigens  auch  viele  Kontorgehilfen  berührt  und  auch  auf  die  sachgenossenschaftlichc
Vereinsbildung  unter  den  Kandelsgehilfen  einen  bedeutenden  Einfluß  ausgeübt  hat.
Wollte  man  sich  auf  den  Standpunkt  der  Marxschen  Lehre  stellen,  so  müßte  man
sagen,  daß  das  Kandelskapital  sich  nicht  unmittelbar  durch  Ausnutzung  der  produzierenden
Arbeiter  „Mehrwert"  aneigne,  sondern  daß  es  aus  der  Gesamtmenge  des  Mehrwertes,
der  zunächst  in  die  Kand  der  unmittelbar  an  der  Produttion  beteiligten  kapitalistischen
Unternehmer  gelangt,  einen  gewissen,  nach  seiner  Größe  bemessenen  Anteil  für  sich
in  Anspruch  nehme.  Mit  anderen  Worten:  das  Kandelskapital  erzielt  nach  der  Seite
der  Produktion  hin  seinen  Gewinn  hauptsächlich  im  Jnteressenkampf  mit  anderen  kapitalistischen ­
  Unternehmern,  nicht  aber  in  einem  unmittelbaren  Ringen  mit  den  Interessen
der  Lohnarbeit.  Der  Kandelsunternehmcr  kaust  nicht  die  Arbeit  selbst  möglichst  billig
auf,  um  das  Produkt  derselben  möglichst  teuer  zu  verkaufen,  sondern  er  sucht  den
Preis  des  fertigen  Erzeugnisses  der  kapitalistischen  Produttion  beim  Einkauf  möglichst
herabzudrücken,  um  beim  Verkauf  möglichst  viel  daran  zu  gewinnen.  Demnach  steht
der  Kandel  außerhalb  des  Bereichs  der  unmittelbaren  sozialen  Konflikte;  der  zwischen
Kapital  und  Kapital  geführte  Kampf  kann  zwar  für  den  einzelnen  bald  auf  der
einen,  bald  auf  der  anderen  Seite  sehr  empfindlich  werden,  aber  nicht  zu  einen:  Klassengegensätze ­
  führen.  Diese  Stellung  des  Kandels  zur  unmittelbaren  Produttion  hat
ohne  Zweifel  dazu  beigettagen,  daß  er  nicht  nur  im  Altertum  und  Mittelalter,  sondern
auch  in  unserer  Zeit  so  häufig  vom  sittlichen,  sozialen  oder  wirtschaftlichen  Standpuntte
einer  ungünstigen  Beurteilung  unterzogen  worden  ist.  Der  Segen  der  Ärbeit  schrumpft,
wie  G.  Cohn  sagt,  für  den  Kaufmann  zusammen  zu  der  alles  andere  ausschließenden
Berechnung  des  wohlfeilen  Einkaufs  und  des  vorteilhaften  Verkaufs.  Bei  den:  Betriebe
der  Landwirtschaft  oder  der  Industrie  mag  das  rechnende  Eigeninteresse  mit  nicht
geringerer  Intensität  wirksam  sein  als  beim  Kandel,  aber  es  wird  für  die  äußere
Beurteilung  mehr  verdeckt  durch  die  mit  ihm  zusammengehende  augenfällig  auf  Ausbeutung ­
  der  Natur  und  Kervorbringung  neuer  nützlicher  Dinge  gerichtete  Tätigkeit.
Trotz  dieses  ungünstigen  Scheines  kommt  dem  Kandel  eine  bei  der  gegebenen  Gesellschaftsordnung ­
  unentbehrliche  und  ebendeswegen  auch  produttive  Funttion  zu.
            
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