Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

HO  Zweiter  Teil.  Kandel.  V.  Kandelsunternehmung  rc.
Noten-  und  Depositenbanken  gehören  hierher.  Im  Fabrikwesen  eignen  sich  dazu
Spinnereien,  Brauereien,  Zuckerfabriken,  chemische  Fabriken,  Pulverfabriken  rc.  Im
Bergbau  mit  wechselndem  Kapitalbedarf  und  wechselnden  Chancen  ist  die  Aktiengesellschaft
nicht  so  erfolgreich  und  im  Erzbergbau  weniger  als  im  Kohlenbergbau.  Für  den
Warenhandel  eignet  sie  sich  im  allgemeinen  nicht,  aber  wohl  für  das  Großmagazin.
Zu  den  Schwächen  des  Beamtenbetriebes  überhaupt  kommen  nun  die  aus  der
eigenen  Natur  der  Aktiengesellschaft  entstammenden.  Ihr  Erfolg  hängt  davon  ab,  daß
sie  tüchtige  und  ehrenhafte  Beamte  gewinnt.  Je  allgeineiner  die  Aktiengesellschaft  wird,
je  zahlreicher  das  Beamtenpersonal  wird,  um  so  mehr  bildet  sich  dieses  Privatbeamtentum ­
  zu  einem  Beruf  und  zu  einem  Stand  aus.  Es  wird  eiu  wichtiges  Mittel
des  Aufsteigens  für  mittellose  begabte,  tüchtige  Leute.  Das  Beamtentum  der
Aktiengesellschaften  bedeutet  eine  wichtige  Verstärkung  des  Mittelstandes,  in  ähnlicher
Lage  wie  die  Staats-  und  Kommunalbcamten,  nicht  so  abhängig  wie  die  Beamten
anderer  Großbettiebe.  Aber  der  tüchtige  Beamte  wird  im  allgemeinen  mehr  dem
öffentlichen  Dienste  zustreben.  Wollen  die  Aktiengesellschaften  sich  solche  Leute  sichem,
so  müssen  sie,  wenigstens  für  die  in  leitenden  Stellungen  befindlichen,  sehr  hohe  Gehälter
zahlen.  Diese  und  die  Tantiemen  an  Vorstand  und  Aufsichtsrat  machen  die  Wirtschaft
der  Aktiengesellschaft  leicht  unverhältnismäßig  teuer.  Auf  der  anderen  Seite  ist  die
Aktiengesellschaft  regelmäßig  noch  viel  weniger  als  eine  öffentliche  Körperschaft  imstande,
ihre  leitenden  Beamten  zu  kontrollieren.  Wo  der  Beamtenbetrieb  überhaupt
erprobt  und  bewährt  ist,  wird  die  öffentliche  Unternehmung  billiger
und  besser  wirtschaften  als  die  Aktiengesellschaft,  und  tatsächlich  sehen  wir
Staat  und  kommunale  Körperschaften  solche  Beamtenbetriebe  übernehmen:  Eisenbahnen,
Versicherung,  Bankbetrieb,  Gas-  und  Wasseranstalten.  Elekttizitätswerke  und  Straßenbahnen ­
  sangen  an  zu  folgen.  Die  Aktiengesellschaft  erscheint  von  diesem  Gesichtspunkt
aus  als  das  Versuchsfeld  des  öffentlichen  Betriebes.
Die  Schwäche  der  Aktiengesellschaft  als  Unternehmung  stammt  aber  noch  aus
einer  zweiten  Quelle:  dem  Charakter  der  Aktie.  Die  Aussicht  auf  wechselnde
Dividenden  hat  sofort  bei  Entstehung  der  Aktie  das  Spiel,  die  Agiotage,  die  Spekulation ­
  auf  das  Steigen  und  Fallen  der  Kurse  hervorgerufen.  Schon  1610  erscheint
in  Kolland  das  erste  Editt  gegen  die  Mißbräuche  des  Attienhandels,  und  die  meisten
modernen  Gegner  des  Aktienwesens  bekämpfen  in  ihm  die  Aktie  als  Spekulationsobjekt.
Der  Vorstand  der  Aktiengesellschaft  wird  durch  die  Rücksicht  auf  die  Kurse  vielfach ­
  beeinflußt  und  gehemmt.  Die  Notwendigkeit,  möglichst  hohe  Dividenden  herauszuwirtschaften, ­
  ist  eine  Gefahr  für  den  Bestand  der  Aktiengesellschaft,  wenn  darüber
die  Vorsicht  für  die  zukünftige  Gestaltung  außer  acht  gelassen  wird  (verschleierte  Bilanzen,
ungenügende  Reserven).  Sie  ist  aus  allgemeinen  Gründen  bedenklich,  wenn  solche
Unternehmungen  einen  nwnopolistischen  Charakter  haben  und  das  Publikum  zur  Zahlung
unnötig  hoher  Preise  zwingen  (Gasanstalten,  Straßenbahnen  rc.).  Auch  aus  diesem
Gninde  kann  Ersatz  der  Aktien-  durch  die  öffentliche  Unternehmung  wünschenswert
erscheinen,  bei  welcher  der  Gewinn  der  Gesamtheit  zugute  kommt  oder  die  Preise
für  die  Leistungen  ermäßigt  werden.
Daß  die  Aktie  Spekulationsobjekt  ist,  hat  aber  mehr  noch,  als  für  die  laufende
Verwaltung,  für  Entstehen  und  Vergehen  der  Aktiengesellschaften  Bedeutung.
Die  Gründung  von  Aktiengesellschaften,  die  Umwandlung  bestehender  Unternehmungen
in  Aktienuntemehmungen  kann  leicht  zu  gröblichen  Mißbräuchen  und  schwindelhaften
Manipulationen  benutzt  werden.  Die  Sacheinlagen  (Apports)  werden  zu  hoch  berechnet,
unmäßige  Gründergewinne  eingestrichen,  die  Kurse  durch  Scheinverkäufe  so  lange  hochgehalten, ­
  bis  die  Aktien  im  Publikum  untergebracht  sind,  worauf  solche  Unternehmungen
nachher  wegen  der  übermäßigen  Köhe  des  Grundkapitals  nicht  gedeihen  können,  auf
bescheidener  Grundlage  rekonstruiert  oder  über  kurz  oder  lang  wiederaufgelöst  werden.
            
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