Object: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites Buch. Die Gegner. 
in den Spinnereien 12 bis 14 Stunden arbeiten müssen und zwar 
„in einer Atmosphäre, die mit Haaren und Staub gefüllt ist“, und wo 
sie an der Schwindsucht sterben, bevor sie 20 Jahre alt geworden 
sind. Er kommt zu dem Schlüsse, daß „es zu teuer wird, die Aus 
dehnung des nationalen Handels damit zu bezahlen, daß eine un 
glückliche und allen Leiden ausgesetzte Klasse geboren wird“, und 
in jenem oft zitierten Satz ruft er aus: „Her Profit eines Unter 
nehmers ist manchmal nichts anderes als eine Beraubung des Arbeiters, 
den er beschäftigt; er verdient nicht, weil sein Unternehmen mehr 
hervorbringt, als es kostet, sondern weil er dem Arbeiter kein ge 
nügendes Entgelt für seine Arbeit gewährt. Eine solche Industrie 
ist ein soziales Übel ü“ 
Wer kann sich der Richtigkeit dieses Gedankens SismondTs ent 
ziehen? Wenn der billige Preis der Produkte nur auf Kosten einer- 
beständigen Verschlechterung der Gesundheit des Arbeiters erreicht 
werden kann, so ist es offenbar, daß die Konkurrenz mehr Unheil 
stiftet, als Gutes tut. Es liegt nicht weniger im öffentlichen Interesse, 
diese lebendigen Gäter zu schützen, als die Erzeugung toter Güter 
zu erleichtern. Indem Sismondi zeigt, daß die Konkurrenz eine zwei 
schneidige Waffe ist, hat er denen den Weg eröffnet, die in durchaus 
richtiger Weise vom Staat verlangen, daß er der Konkurrenz Grenzen 
setze und sie regele. 
Man möchte versucht sein, noch weiter zu gehen, und in der 
eben angeführten Stelle eine rückhaltlose Verurteilung des Profits 
selbst zu sehen. Das würde nichts weniger bedeuten, als ein Be 
kenntnis Sismondi’s zu den sozialistischen Lehren. Man hat manch 
mal an ein solches Bekenntnis bei ihm geglaubt, aber unserer Meinung 
nach zu Unrecht. 
Ohne Zweifel drückt sicli Sismondi an gewissen Stellen so aus, 
wie es später Owen, die Saint-Simonisten und Marx taten. So liest 
man z. B. in seinen Untersuchungen über die Nationalökonomie Stellen, 
wie die folgende: „Man könnte fast sagen, daß die moderne Gesellschaft 
auf Kosten des Proletariats lebt, nämlich von dem Teil, den sie ihm 
von dem Gegenwert seiner Arbeit vorenthält * 2 );“ und an anderer 
Stelle sagt er, daß „es eine Beraubung, ja ein Diebstahl ist, 
den der Reiche am Armen verübt, wenn der Reiche der fruchtbaren 
und gut bewirtschafteten Erde ein Einkommen abzwingt, das ihm 
gestattet, im Überfluß zu schwimmen, während der Arbeiter selbst, 
der dieses Einkommen überhaupt erst hervorbringt . . ., Hungers 
stirbt, ohne Teil an diesem Einkommen haben zu können“ 3 ). 
b N. P., I, S 92. 
2 ) Etudes sur l’Eeonomie politique. I, S. 35. 
3 ) Ebenda, S. 274—275.
	        
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