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Zweiter Teil. Kandel. IX. Märkte und Messen.
Alles dies deutet auf eine Zunahme der geldwirtschaftlichen Gewohnheiten des
Volkes. Damit ist die Möglichkeit gegeben, vom Meßhandel zum ansässigen Kandel
überzugehen. Dies ist bereits der Fall in dem dichter besiedelten Kleinrußland, dessen
Messen heute verfallen, dessen Kandelsmetropole Charkoff gewaltig aufblüht. Die
Zahrmarktsteuer, erhoben in fünf Klassen nach der Größe des Jahrmarktes von den
anreisenden Kaufleuten, zeigt dementsprechend seit 1884 für Kleinrußland einen Rückgang.
Dagegen gehört die Bedeutung der Nischnier Messe keineswegs der Vergangenheit
an, vielmehr ist ihr die verkehrswirtschaftliche Entwicklung der sechziger und siebziger
Jahre zunächst zugute gekommen. Ihr geographisches Gebiet deckt noch heute das
gesamte Wolgabecken einschließlich des mittelrussischen Industriebezirkes selbst, sowie
das im Norden und Osten dieses Beckens gelegene Gebiet. Im Westen wird es be
grenzt durch das Twersche Gouvernement, welches kommerziell bereits von Petersburg
abhängt. Das Gebiet der Messe ist also nahezu das gleiche, wie das des bäuerlichen
Gemeindebesitzes, — gewiß kein Zufall. Beides vielmehr deutet auf den weniger
verkehrswirtschaftlichen Charakter des mittleren und östlichen Rußland im Vergleich mit
dem Norden, Westen und Süden.
Aber wenn Nischnis Kandel bis in die achtziger Jahre nicht gelitten hat, so hat
sich doch der Charakter seiner Messe völlig geändert. Der asiatische Fernhandel, ins
besondere der russisch-chinesische Kandel, ist zurückgegangen. Der Tee hat die Äberlands-
route verlassen; mit der Verbilligung der Seefracht ist an Stelle des Karawanentees
der Kantontee getreten. Zwar erscheint der Tee noch in Massen auf der Nischnier
Messe, aber Nischni empfängt ihn doch nur aus zweiter Kand. Von den Schwarzen
Meerhäfen, sowie von Moskau aus und ohne Vermittlung der Messe vollzieht sich
in wachsendem Maße die Versorgung des Landes mit dem allbeliebten Genußmittel.
Der Ausfuhrhandel russischer Gewerbeproduktc, besonders russischer Wollstoffe, nach
China ist gänzlich verfallen. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis in die
achtziger Jahre sank die russische Ausfuhr über Kiachta von 22 Millionen auf kaum
1 Vs Millionen Rubel. Der vornehmlichste Grund für diesen Rückgang liegt wahr
scheinlich darin, daß Rußland auf den chinesischen Märkten begann, der Konkurrenz
europäischer Fabrikerzeugniffe zu begegnen. Während in Westeuropa die Preise der
Gewerbeerzeugnisse allgemein und dauernd zurückwichen, verhinderte der Kochschutzzoll
Rußland, dieser Entwicklung zu folgen. Bei der Sicherheit ihrer Gewinne entbehrte
die russische Industrie jenes Ansporns, welcher in dein Kampf auf offenen Märkten liegt.
An Stelle des Fernhandels spielt in Nischni der Innenhandel seit den siebziger
Jahren die Kauptrolle. Der Moskauer Großhändler und Fabrikant verkauft hier an
die Provinzialkaufleute, von denen die Versorgung der ländlichen Kleinhändler ausgeht.
Kier wie überall ging der Fortschritt des Kandels hinunter in die Tiefe des Volks
ganzen, das er einst als internationaler Fernhandel nur oberflächlich berührte.
Bezeichnenderweise erscheint diejenige Ware, welcher in letzter Linie der ganze
Amschwung verdankt wird, und welche heute die wichtigste Rußlands ist, das Getreide,
nicht auf der Messe von Nischni. Der Getreidehandel sitzt vielmehr in den Kafen-
städten des Schwarzen und Baltischen Meeres, woselbst sich die Preisbildung in engem
Anschluß an die westeuropäischen Börsennotierungen vollzieht. Aber trotzdem ist diese
Ware ausschlaggebend für den Gang der Messe. Denn die Ernte und die Getreide
preise sind in Rußland als einem vorwiegend agraren Lande entscheidend für die Nach
frage nach Industrieprodukten; von unmittelbarstem Einfluß sind sie insbesondere für
die Baumwollindustrie, deren Vertreter sich irrigerweise für unabhängig von Europa
halten. Je mehr Europa Getreide kauft, desto größer ist der Absah von Kattunen
zu Nischni.
Was in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Tee war, werden in den
sechziger Jahren die Baumwollwaren: die leitende Ware der Messe.