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Zweiter Teil. Handel. X. Die Börse.
langes Feilschen zustande kommt. Denn er sucht seine Persönliche Schlauheit beim
einzelnen Geschäft in die Wagschale zu werfen; nicht Angebot und Nachfrage be
stimmen für ihn die Preise, sondern das Maß gegenseitiger Geriebenheit.
Diesen Gepflogenheiten aber kommt der Meßhandel entgegen. In demselben
Verkaufslokal werden in derselben Stunde, ohne daß irgendwelche Amstände sich ge
ändert hätten, dieselben Waren oft zu den allerverschiedensten und geheimgehaltenen
Preisen verkauft. In der Abneigung des Asiaten gegen öffentliche Preisfestsetzung
liegt auch für die Zukunft eine gewisse Bedeutung der Messe zu Nischni gesichert.
X. Die Börse.
1. Die Börse nach Zola.
Von Gustav Cohn.
Lohn, Beiträge zur deutschen Börsenreform. Leipzig, Duncker & Ijumblol, ^95. 5.3 — 6.
Emile Zola hat in einem seiner Romane mit der ihm eigenen „wissenschaftlichen"
Methode die Wirklichkeit der Börse bis in die intimen Einzelheiten ihrer Technik
hinein zu schildern versucht. Im Mittelpunkte steht eine jener Spekulantennaturen,
deren Talent nicht sowohl in der schöpferischen Kraft fruchtbringender Gedanken, als
in der produktiven Ausbeutung fremder Ideen sich entfaltet; in der Virtuosität, mit der
man ein neues Projekt in Scene setzt, Meinung dafür macht, Anhänger und Kapitalien
heranzieht, die Hoffnung nährt, die Erwartungen steigert, um dann zuletzt, wenn am
Ende alles zusammenbricht, aus der Vernichtung immer wieder emporzusteigen zu neuen
Spekulationen und neuen Erfolgen.
In einem Momente des tiefen Sturzes lernen wir den Selben von Zolas Roman
kennen; schon nach wenigen Wochen steht er an der Spitze einer „Banque Universelle“,
welche, kirchliche und lukrative Zwecke verknüpfend, die Kultur des gelobten Landes im
großen Stile durchführen soll. Die Verwertung des religiösen Elementes bei der
Gründung dieses Anternehmens ist nur ein Stück in dem Zusammenhange mannigfaltiger
Kunstgriffe der Täuschung und des Betruges. Der ganze Kreis der Persönlichkeiten,
welcher sich um die Hauptfigur zu dem großen Anternehmen zusammenschließt, enthält
fast ohne Ausnahme Leute von ähnlicher Anrüchigkeit. Der einzige anständige Mensch
ist bezeichnender Weise der Erfinder der Idee, — der Ingenieur, welcher aus seiner
früheren Tätigkeit in der Levante die Überzeugung von dem Bedürfnisse neuer Verkehrs
mittel für das ferne Land mitgebracht hat, welcher bis zum letzten Augenblicke ohne
Verständnis von den Manövern der Börse bleibt.
And ebenso ist die Art der wirklichen Geschäfte, welche die neue Bank zustande
bringt. Nicht gewinnreiche Erfolge der geplanten Anternehmung, sondern eine durch
Jahre fortgesetzte Reklame, welcher es gelingt, die Aktien der Bank in fabelhafte Höhe
hinaufzutreiben, — bis dann endlich kommt, was kommen muß, bis die Seifenblase
platzt und der Held ins Gefängnis wandert. Der schwindelhafte Glanz, in dem er
einige Jahre gelebt, wird bezahlt durch den Antergang der vielerlei Existenzen, die dem
Irrlicht gefolgt sind. Doch auch dieses ist das Ende nur eines Aktes in dem Drama;
bereits dämmert im Hintergründe die Morgenröte neuer Triumphe, nur auf verändertem
Schauplatz, herauf.