Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Landet.  X.  Die  Börse.

vielmehr  schon  in  der  gegenwärtigen  Gestaltung  des  Wirtschaftslebens  und  jedes
einzelnen  seiner  Organe  sittliche  Gewalten  die  nattirlichen  Triebe  gebunden  halten,  ob
diese  sittliche  Bindung  nicht  eine  fortschreitende  ist,  und  ob  nicht  auf  dem  Boden  der
bestehenden  Gesellschaft  die  Reformen  möglich  sind?
In  Zolas  Roman  findet  sich  ein  kleiner  Zug,  welcher  lehrreich  ist  für  das,  was
hier  in  Frage  steht.  Einer  der  wenigen  wirklichen  Gewinne,  die  während  der  Jahre
ihres  Bestehens  die  „Banque  Universelle“  erbeutet,  entspringt  dem  Verrate  eines
Depeschengeheimnisses  aus  dem  Ministerium,  das  ein  Bekannter  des  Ministers  aufgefangen ­
  und  dem  Direktor  der  Bank  zugetragen  hat.  Der  Dichter  hat  hier  —
vielleicht  unbewußt  —  die  merkwürdige  Voraussetzung  zugestanden,  daß  in  der  Welt
des  zweiten  Kaiserreichs,  deren  allseitige  Verkommenheit  sein  großer  Romanzyklus
darstellen  will,  die  Minister  selber  über  die  lukrative  Ausbeutung  diplomatischer  Nachrichten ­
  erhaben  sind.  Man  weiß  allgemein,  daß  nur  wenige  Jahrzehnte  zuvor  ein
Monarch  über  Frankreich  geherrscht  hat,  der  über  den  Verdacht  einer  ähnlichen
Landlungsweise  nicht  erhaben  war.  Wenn  nun,  erlaube  ich  mir  zu  folgern,  ein  so
finsterer  Beobachter  diesen  sittlichen  Fortschritt  gleichsam  als  etwas  Selbstverständliches
einräumt,  ist  dann  überhaupt  der  Glaube  so  töricht,  der  auf  einen  sittlichen  Fortschritt
und  auf  heilende  Reformen  in  diesem  ganzen  Gebiete  sich  richtet?
Die  Erfahrung  gibt  in  der  Tat  solchem  Glauben  manche  kräfügere  Stütze  als
jene  Stelle  des  Romans.

2.  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Fondsbörse.
Von  Johannes  Kämpf.

Kämpf,  Bericht  über  Börsengesetz  und  Reichsstempelgesetz.  3a  Vollversammlung  des
Deutschen  Lsandelstages  in  Berlin  am  2<*.  März  lstOH.  Stenographischer  Bericht.  Berlin,  Liebheit
und  Thiesen,  S.  8—U-Seit
  etwa  anderthalb  Jahrzehnten  stehen  wir  unter  dem  Banne  der  Anschauung,  daß
die  Börse  eine  überflüssige  Gesellschaft  von  Spekulanten,  und  daß  das  Börsengeschäft
minderwertig  sei  gegenüber  anderen  Geschäftszweigen.  Wer  dies  behauptet,  haftet
mit  seinem  Arteil  an  der  Oberfläche  der  Dinge.  Diese  Auffassung  ist  irrtümlich,  sie
ist  grundfalsch.
Die  Börse  soll  der  Mittelpunkt  und  der  Vermittlungspunkt  sein  für
alle  Transaktionen  des  mobilen  Kapitals.  Sie  soll  alle  diese  Geschäfte  sachgemäß ­
  und  so  ausführen,  daß  die  wirtschaftlichen  Zwecke,  denen  das  mobile  Kapital
dient,  möglichst  schnell  sichergestellt  werden.  Nun  ist  aber  das  mobile  Kapital  in  der
ganzen  Welt  und  auch  in  Deutschland  allmählich  zu  einem  ungeheuren  Amfange
angewachsen.  Nach  einer  Schätzung  sind  in  Deutschland  nicht  weniger  als  100000
Millionen  Mark  Wertpapiere  vorhanden,  und  diese  kolossale  Summe  wächst  von  Jahr
zu  Jahr.  Es  ist  ganz  klar,  daß  aus  der  Verwaltung  eines  so  enormen  mobilen
Nationalvermögens  sich  täglich  die  allergrößten  Amsätze  ergeben.  Abgesehen  hiervon
werden  an  das  mobile  Kapital  von  allen  Zweigen  des  wirtschaftlichen  Lebens,  von  den
Staaten,  den  Gemeinden,  von  Lande!,  Industrie,  Landwirtschaft  und  Schiffahrt
jahrein,  jahraus  die  erheblichsten  Ansprüche  gestellt.  Diese  Ansprüche  werden  durch
die  eine  Zahl  illustriert,  daß  in  den  letzten  Jahren,  abgesehen  von  den  Konversionen,
jährlich  ca.  2000  Millionen  Mark  neue  Wertpapiere  an  den  deutschen  Börsen  zugelassen
worden  sind.
            
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