Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Kandel.  X.  Die  Börse.

Lebens  geltend,  und  die  wirtschaftliche  Kraft  des  Landes  muß  dadurch  geschwächt
werden.  Politisch  stark  ist  heute  aber  nur  das  Land,  das  auch  wirtschaftlich  stark  ist.
Unter  diesem  Gesichtspunkte  betrachtet,  ist  eine  starke  Börse  einer  der  Lauptfaktoren
auch  der  politischen  Macht  des  Landes.

3.  Wesen  und  Wert  der  Zentralproduktenbörsen.
Von  Kurt  Wiedenfeld.

Wiedenfeld,  Wesen  und  wert  der  Zentralproduktenbörsen.  ^Berliners  Akademische  Antrittsrede.
  Sonderabdruck  aus  Schmollers  Jahrbuch  für  Gesetzgebung  re.  Jahrgang  XXVII,  heft  2.
Leipzig,  Duncker  &  humblot,  (903.  S.  8  und  S.  9—13.
Im  Großhandel  ist  ein  Doppeltes  vereinigt:  einmal  hat  er  örtlich  und  Izeitlich  Vorrat
und  Bedarf  auszugleichen,  indem  er  die  am  Produktions-  oder  Stapelort  entbehrlichen  Überschußmengen ­
  an  die  Stätten  des  Mehrbedarfs  überführt,  und  indem  er  die  zeitlich  entbehrlichen
Mengen  für  spätere  Tage  geringerer  Ernten  aufspeichert;  zweitens  hat  aber  er  auch  in  Wechselwirkung ­
  mit  dieser  ersten  Funktion  die  Preise  zu  bilden,  wobei  er  sich  zwar  auf  die  im  tatsächlichen
Vorrat  und  Bedarf,  sowie  in  sonstigen  Tatumständen  gegebenen  Grundlagen  stützt,  wobei  jedoch
auch  persönliche  Meinungen  und  Einflüsse  ein  entscheidendes  Wort  mitreden,  wobei  also  Angebot
und  Nachfrage  zum  Ausgleich  kommen.  Man  kann  hiernach  —  nach  dem  Vorgang  Ehrenbergs,
der  allerdings  die  Aufgaben  anders  verteilt  —  eine  effektive  Funktion  des  Großhandels  unterscheiden: ­
  sie  gleicht  Vorrat  und  Bedarf  aus,  und  eine  spekulative  Funktion:  sie  gleicht  Angebot
und  Nachfrage  ans;  jene  findet  in  der  Verschiebung  der  Gütermassen,  diese  in  der  Preisbildung
ihren  Inhalt  .  .  .
Aus  der  großen  Zahl  von  Börsen,  die  sich  mehr  oder  minder  dicht  über  alle
Länder  konzentrierter  Produktion  oder  Konsumtion  ausgebreitet  finden,  haben  sich  einige
Plätze  herausgehoben,  die  überwiegend  das  Geschäft  der  Preisbildung  besorgen  und
infolgedessen  eine  überragende  Bedeutung  erlangt  haben,  die  deswegen  passend  als
Zentralbörsen  zu  bezeichnen  sind;  bilden  sie  doch  die  Punkte  der  Welthandelsorganisation, ­
  nach  denen  wegen  ihrer  Preisnotierungen  aller  Augen  gerichtet  sind,
deren  Einfluß  sich  daher  über  die  ganze  Erde  erstreckt.  Wie  in  Chikago  oder  New  Bork,
in  London,  Liverpol,  Berlin  die  Getreidepreise  stehen,  das  spürt  der  Landwirt  im
innersten  Argentinien  und  Rußland,  in  Indien  und  in  Australien;  wurden  doch  lange
Jahre  hindurch  die  Roggenpreisnotierungen  der  Berliner  Produktenbörse  regelmäßig
auf  allen  russischen  Bahnhöfen  der  Produktionsgegenden  angeschlagen,  und  wird  doch
noch  heute  in  einem  so  wichtigen  und  einflußreichen  Weizenland  wie  Argentinien  der
Preis  der  Hafenstädte  ganz  unmittelbar  von  Europa  aus  nach  der  Maßgabe  der  hiesigen
Notierungen  „diktiert".  Ebenso  stehen  in  ihrer  Preisentwickelung  die  kleineren  Börsen,
wie  sie  für  Deutschland  in  Königsberg,  Danzig,  Stettin,  Breslau,  Hamburg  usw.
bestehen,  in  Abhängigkeit  von  der  nächstbenachbarten  Zentralbörse,  wie  sich  namentlich
bei  Unregelmäßigkeiten  der  Preisbildung  wiederholt  gezeigt  hat.  Die  Lokalbörsen,
zu  denen  trotz  seines  enormen,  den  Berliner  Amsatz  übertteffenden  Effektivverkehrs  auch
Mannheim  zu  rechnen  ist,  —  die  kleineren  Börsen  dienen  so  gut  wie  ausschließlich  in
Einfuhr  und  Ausfuhr  dem  Effcktivbedürfnis  der  von  ihnen  unmittelbar  bedienten
Gebiete;  die  Zentralbörsen  stellen  in  ihrer  Gesamtheit  das  äußerlich  nicht  faßbare
und  doch  reale  Gebiet  des  Weltmarktes  dar.
            
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