Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter Teil. Kandel. X. Die Börse. 
Geschäfte mit Vor- oder Rückprämie um. Sie haben jedoch ebenso wie diese, 
abgesehen von ihrer Leimat, den Niederlanden, einen bedeutenden Amfang im Waren 
terminhandel nirgends erreicht. 
Dagegen hat eine andere, ebenfalls dem Effektenhandel entlehnte Geschäftsform 
an den Terminmärkten große Ausdehnung erlangt, nämlich die „Report-" und 
„Deport-" oder „Prolongationsgeschäfte". Diese ermöglichen es derjenigen 
Partei, zu deren Angunsten sich der Markt am Erfüllungstag gewendet hat, die Ent 
scheidung der Transaktion hinauszuschieben, wenn sie glaubt, daß sich der Preis dem 
nächst noch zu ihrem Vorteil verändern werde, — und zwar in folgender Weise: 
Der Verkäufer kann, wenn der Marktpreis bei der Erfüllung höher steht als 
der Kontraktpreis und er seine gute Ware nicht so billig hergeben, aber auch nicht mit 
Verlust auf offenem Markt zur Deckung einkaufen will oder kann, die entsprechende 
Ware von einem Warenhändler, der große Lager hält, entlehnen, indem er sie von 
ihm gegen bar kauft, aber ihm sogleich auf einen nahen Termin, nächsten Monat 
etwa, wiederzurückverkauft zu einem um den „Deport" niedrigeren Preis; er wird 
also gewinnen, wenn der Markt bis dahin wirklich heruntergeht, und zwar tiefer als 
dieser letztere Preis; der Deport-Zahlende spekuliert also auf Baisse. 
Umgekehrt kann der Käufer, wenn er ein weiteres Steigen erwartet und daher 
den empfangenen Weizen nicht gleich hergeben will, selbst aber keine Lagerräume besitzt 
oder kein Geld, um den Kaufpreis für jenen zu bezahlen, sich beides verschaffen, indem 
er die Ware einem Ländler für einige Zeit „in Kost gibt", d. h. an ihn gegen bar 
verkauft, aber sofort auf nahen Termin zu einem etwas höheren Preis von ihn, 
zurückkauft: diese von ihm mehr zu bezahlende Differenz heißt „Report" oder 
„Kostgeld"; er wird gewinnen, wenn der Preis noch höher steigt als dieser aus 
bedungene Rückkaufspreis; der Report-Gebende spekuliert also auf Hausse. 
Demnach ist Deport ---- Warenmiete, Report = Lagermiete oder Geldmiete. In 
übertragenem Sinne spricht man dann von einem „Deport", wenn der Tagespreis 
höher ist, von einem „Report", wenn er niedriger ist als der Preis späterer Termine. 
„Es bildet sich im April ein Report von 4 Mark auf Mai" heißt also in der 
Sprache der Terminbörse einfach: Der Mai-Termin steht 4 Mark höher als der 
April, und „Der Report verwandelt sich in einen Deport" heißt dann: Mai fällt unter 
den April. 
Kehren wir nun noch einmal zu unserem Beispiel zurück. Wir haben bei demselben 
bisher nur die zwei Personen A und B gehabt und angenommen, daß A im März an B 
auf Juni-Lieferung verkauft hat, und daß B, wenn dieser Termin herangekommen ist, 
die Ware gegen Zahlung in Empfang nimmt oder die Differenz zwischen Marktpreis 
im Juni und Kontraktpreis verrechnet. Ein solches Geschäft steht nun aber in Wirk 
lichkeit nicht isoliert da, sondern die Parteien desselben, A und B, werden, wo überhaupt 
größere Amsähe auf Lieferung stattfinden, zur gleichen Zeit zahlreiche andere Geschäfte 
in der gleichen Ware auch wohl auf den gleichen Termin schweben haben, teils zur 
Deckung des ersten, teils in neuen selbständigen Engagements, und ebenso auch wieder 
die anderen ihnen gegenüberstehenden Parteien. 
Lauten nun alle diese Geschäfte — wie dies beim Terminhandel der Fall ist — 
auch auf das gleiche Quantum, die usancemäßigc Kontraktseinheit, den sogenannten 
„Schluß", von der gleichen ebenfalls generell bestimmten Qualität, dann ist es möglich, 
aus einer Anzahl derselben eine Kette von Geschäften und Personen herzustellen, in 
welcher die Zwischenglieder gleichzeitig als Käufer und Verkäufer desselben Objektes 
(50 Tonnen Weizen von bestiminter Qualität aus Juni-Lieferung) erscheinen. Anser 
schematisches Beispiel ist also dahin zu erweitern, daß B die im März von A gekauften 
50 Tonnen weiter verkauft an C, dieser wieder an I) und 0 an E, bis der Juni 
herankommt. Dann ist es offenbar in, Interesse aller, daß nicht viermal geliefert und
	        
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