2. Die Geschäfte der modernen Banken.
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Steht stärkere Abhebung der Deposita bevor, so muß sie mit der Anlage länger
dauernder Wechsel zurückhalten, ev. auch die Diskontierung durch Erhöhung des
Diskontos erschweren, ihre Wechsel selber weiter diskontieren.
Die Bank gewährt mittels Wechsel auch oft in anderer Weise als im Wege
der Diskontierung Kredit. Scheut sie sich, einen Wechsel zu diskontieren, so gibt sie
doch zuweilen einen Vorschuß darauf. Oder sie gibt Wechselkredit in Form der
Bürgschaft (Aval); durch die dritte Unterschrift wird der Wechsel für den Inhaber
bei einer großen Bank (z. B. Reichsbank) diskontierbar; oder sie gibt Acceptkredit,
sie läßt also auf sich ziehen, das ist vom Standpunkt der Bank aus ein Passivgeschäft;
aber dadurch, daß sie dies gestattet, ermöglicht sie dem Trassanten, den Wechsel leicht
zu verkaufen. In England ist bei den großen Ioint-Stock-Depositenbanken dieser letztere
Modus sehr üblich. Wenn der Acceptkredit durch hinterlegte Papiere oder sonstwie
sichergestellt ist, so ist er nicht zu tadeln.
Analog den Wechseln ist die Anlage zu beurteilen, die im Ankauf gekündigter
bald fälliger Effekten oder im Ankauf von sog. Schahscheinen erfolgt.
Das Lombardgeschäft (engl. advanceS) franz. avances) besteht in der
Gewährung kurzer Darlehen gegen Faustpfand. Solche Faustpfänder sind Wertpapiere,
Pretiosen, Edelmetallbarren, fremde Münzen, Kaufmannswaren oder Fabrikate, Agrar
produkte, wie Wolle, Baumwolle, Getreide, Zucker, Spiritus. Die Beleihung von
Rohstoffen und Waren ist oft technisch schwierig; leicht verderbliche Waren sind
überhaupt zur Verpfändung ungeeignet; allein auch bei den nicht verderblichen Waren
ist es nicht immer möglich, große Mengen in das Bankgebäude aufzunehmen (die
Deutsche Reichsbank hat 18 sIuni 1904: 12] Warendepots). Außerordentlich erleichtert
wird das Lombardgeschäft in Waren, wenn die Einrichtung öffentlicher Lagerhäuser in
Verbindung mit dem Warrantsystem besteht; der Warrantschein, der berechtigt, über
die im Lagerhaus niedergelegte Ware zu verfügen, dient dann zur Verpfändung.
Wie beim Wechselgeschäft muß auch beim Lombard die Bank stets die Sicherheit
und leichte Realisierbarkeit im Auge behalten: sie wird einesteils verderbliche Waren
und im Preis sehr schwankende Waren und Effekten ausschließen, nur eine Quote des
Wertes beleihen, um bei Preissenkung gedeckt zu sein, evtl. Nachschuß oder Rück
zahlung von Darlehnsquoten für den Fall des Preisrückganges sich ausbedingen;
anderenteils wird sie die Lombarddarlehen immer nur auf kurze Zeit geben, in der
Regel nicht über 3 Monate, bei Prolongationen zurückhaltend sein, um nicht eine
Festlegung der Anlage entstehen zu lassen, das Recht sich vorbehalten, bei ausbleibender
Zahlung sofort durch den Verkauf des Pfandes sich bezahlt zu machen.
Die Lombarddarlehen stehen im allgemeinen den kurzsälligen kaufmännischen
Wechseln als bankmäßige Anlage nach; eine Wechselforderung ist liquider als eine
Lombardforderung; Wechsel kommen meist zustande, wenn Geschäfte abgeschlossen sind,
Lombarddarlehen dagegen sehr oft deshalb, weil die zum Verkauf bestimmten Waren
oder Effekten sich nicht verkaufen lassen, wie namentlich gegen Ende einer Überspekulation;
der Effektenlombard kann die Börsenspekulation, der Warenlombard eine Überproduktion
und Überschuldung unterstützen; solange die Fabrikanten Vorschüsse auf ihre Fabrikate
erhalten, vermögen sie fortzuarbeiten, das Rohmaterial ist oft selbst nicht bezahlt.
Das aktive Kontokorrcntgeschäft ist die Kreditgewährung in laufender
Rechnung. Sehr häufig wird dieser Kredit gewährt auf Grund einer Lypotheken-
kaution oder nach Hinterlegung von Wertpapieren oder von Solawechseln, die unter
gewissen Bedingungen zur Zahlung präsentiert werden dürfen, oder auf Bürgschaft
Dritter rc.
Es fehlt also meist eine flüssige Deckung, sobald der Kunde sein Guthaben über
zieht, d. h. die Bank zu Zahlungen beauftragt, obwohl sein Guthaben bereits erschöpft
ist. Es ist deshalb diese Bankanlage die wenigst gute und mit großer Vorsicht zu
Mollat, Volkswirtschaftliches Lesebuch. 17