Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

4.  Warum  sollen  wir  obligatorische  kaufm.  Fortbildungsschulen  errichten?  299
nicht  nur  ein  großes  kulturelles,  sondern  auch  ein  eminent  soziales  Werk,  indem  Sie
dem  tüchtigen  Volksschüler  ein  Aufsteigen  in  die  höheren  Schichten  Ihres  Standes
erleichtern  zum  Leite  unseres  ganzen  Volkes.
Zch  möchte  in  diesem  Zusammenhange  aus  zwei  Erscheinungen  in  der  kaufmännischen ­
  Entwicklung  hinweisen,  die  in  der  immer  mehr  gesteigerten  Kapitalskonzcntration
  begründet  sind,  und  die  von  höchster  Bedeutung  für  unser  ganzes  Volksleben
sind:  auf  den  Verzweiflungskampf  des  Kleinhandels  gegen  Warenhäuser,  Spezialversandgeschäfte ­
  und  Filialen  und  auf  die  Arbeitsteilung  in  den  Großbetrieben.
Wenn  etwas  den  Kleinhändler  retten  oder  ihm  die  Zeit  des  Übergangs  erleichtern
kann,  so  ist  es  eine  bessere  Ausbildung,  die  ihn  zu  genauester  Kalkulation,  sorgfältigster
Buchführung  befähigt,  die  ihn  den  Segen  genossenschaftlicher  Assoziation  verstehen  und
ausnutzen  lehrt,  die  ihm  endlich  den  Übergang  von  einer  Branche  zur  anderen  erleichtert.
Lind  diese  Ausbildung  kann  bei  der  heutigen  Lage  des  Detailgeschäfts  nur  noch  die
Schule  leisten.
Das  Aufsaugen  der  kleineren  Betriebe  durch  die  großen  vollzieht  sich  auch  im
Engroshandel,  und  damit  wird  für  viele  die  schon  vorhandene  Schwierigkeit  der  Gründung
eines  eigenen  Geschäfts  zur  ünmöglichkeit.  Die  kaufmännischen  Beamtenheerc  werden
immer  größer:  ich  erinnere  namentlich  an  die  Bankbeamten,  an  die  immer  klarer  hervortretende ­
  Trennung  der  eigentlich  kaufmännischen  von  der  Bureautätigkeit.  Diese
Trennung  wird  durch  die  Einführung  der  Schreibmaschinen  und  durch  das  Eindringen
der  Frau  ins  Kontor,  die  nur  Beamtenstellung  sucht,  noch  verschärft.  Bei  Krisen
werden  die  einseitig  geschulten  Lilsskräfte.  zu  Lunderten  aufs  Pflaster  geworfen,  und
je  einseitiger  sie  ausgebildet  sind,  desto  hilfloser  sind  sie  der  Stellenlosigkeit  ausgesetzt,
dem  furchtbarsten  Geschick,  das  einen  arbeitsfähigen  Menschen  treffen  kann.  Allgemeinere
Ausbildung,  guter  Schulunterricht  könnte  hier  manches  bessern.
Vor  allem  muß  es  aber  im  Interesse  des  gesummten  Kaufmannsstandes  liegen,
die  Klassenunterschiede  in  seinem  Schoße  nicht  zu  Klassengegensätzen  werden  zu  lassen.
Die  sozialen  Verhältnisse  innerhalb  des  Kaufmannsstandes  sind  andere  als  in  der
Industrie;  es  fehlt  glücklicherweise  noch  meistens  der  Bildungsabstand  zwischen  Leiter
und  Gehilfen;  und  so  sehr  ich  den  Segen  der  Gewerkvereine  für  unser  industrielles
Leben  schätze,  glaube  ich,  daß  es  im  allgemeinen  Interesse  liegt,  keine  unüberwindlichen
Schranken  zwischen  Ehef  und  Landlungsgehilfcn,  zwischen  kaufmännischen  und  Bureaugehilfen
  entstehen  zu  lassen.  Es  ist  ja  bekannt,  daß  rcingewerkschastliche  Gedanken  in
einigen  Gehilfenverbänden  gepflegt  werden.  Aber  gerade  Ihre  Vereine  sind  sich  stets
der  Aufgabe  bewußt  gewesen,  die  Interessen  der  Gehilfen  und  Prinzipale  zu  versöhnen
und  für  das  Wohl  des  ganzen  Kaufmannsstandes  zu  arbeiten.
Noch  gibt  es  einen  Kaufmannsstand,  zu  dem  der  Kommis  im  Krämerladen  und
der  Direktor  der  Deutschen  Bank  gehören.  Alles,  was  Sie  für  die  Lebung  des
Bildungsniveaus,  auch  des  Kleinsten  tun,  tun  Sie  zugleich  im  Interesse  der  inneren
Konsolidierung  und  der  äußeren  Machtstellung  des  ganzen  Standes.
Der  deutsche  Kaufmann  kämpft  einen  doppelten  Kampf:  in  der  Welt  gegen
England  und  Amerika,  zu  Lause  gegen  die  Reste  der  Anschauungen  des  alten  agrarischmilitärischen
  Preußens.  Nur  Bildung  und  Tüchtigkeit  kann  ihm  den  Sieg  in  diesen
Kämpfen  verleihen.  Es  wäre  töricht,  sich  Illusionen  über  den  Ernst  der  Kämpfe  hinzugeben. ­
  An  Kapital  und  alten  Verbindungen  ist  uns  das  Ausland  überlegen;  es
macht  ernste  Versuche,  uns  in  der  Bildung  zu  erreichen.  Beliebt  ist  der  Kaufmann
im  Inlande  nicht.  Von  unten  neidet  man  ihm  den  Gewinn,  der  mühelos  erworben
scheint,  die  alten  Stände  respektieren  ihn  erst,  wenn  er  die  Qualifikation  zum  Schwiegervater ­
  erworben  hat.  Vergessen  Sic  nicht  das  Wort  vom  „unproduktiven"  Landel
und  von  dem  „notwendigen  Übel"!  Löhere  Bildung  für  alle  Glieder  des  Standes
sei  Ihr  Panier,  ernste  Arbeit  aller  für  alle!
            
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