Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

308  Zweiter  Teil.  Lande!.  XV.  Amtliche  Landclsvcrtretungcn.

schaft  ab.  Die  Entwürfe  von  Gesetzen  und  Verordnungen,  welche  die  Interessen  von
Lande!  und  Industrie  berühren,  will  er  aber  gleichwohl  den  Landelsvorständen  (Kammern,
Korporationen  u.  a.)  und  damit  natürlich  auch  sich  selbst  zur  gutachtlichen  Äußerung
rechtzeitig  vorgelegt  haben.
Dem  Namen  nach  als  eine  Vertretung  des  Landels  erscheinend,  vertritt  der
Deutsche  Landelstag  doch  in  gleicher  Weise  naturgemäß  die  Interessen  der  Großindustrie.
Ja  er  konnte  in  neuerer  Zeit  gegenüber  Angriffen  von  seiten  ausschließlich  industrieller
Verbände  feststellen,  daß  in  seiner  Gliederung  die  Vertretung  der  Interessen  der  Industrie
die  des  Landels  überwiegt.

5.  Die  Begründung  des  Deutschen  Handelstages.
Von  Julius  Gensel.
G  ensel,  Der  Deutsche  tsandelstag  in  seiner  Entwickelung  und  Tätigkeit  ;86;—tgo;.  Berlin,
Karl  kseyman»,  $02.  5.  1  ff.
Vor  vierzig  Jahren,  am  13.  Mai  1861,  wurde  in  Lcidclberg  der  erste  Deutsche
Landelstag  eröffnet.
Auch  für  deit,  der  jene  Zeit  mit  Bewußtsein  durchlebt  hat,  ist  es  nicht  ganz
leicht,  sich  die  Zustände,  wie  sie  damals  in  Deutschland  herrschten,  ins  Gedächtnis
zurückzurufen.  Dem  Scheitern  der  Loffnungen,  die  das  deutsche  Volk  auf  die
Besttebungen  des  Frankfurter  Parlainents  gesetzt  hatte,  war  mit  dem  Wiederaufleben
des  alten  Bundestags  unter  österreichischer  Leitung  eine  dumpfe  Erstarrung  des
öffentlichen  Lebens  gefolgt.  Erst  gegen  Ende  der  fünfziger  Jahre  begann  sich  wieder
ein  ftischeres  Leben  zu  regen.  Llnter  der  Führung  Rudolfs  v.  Bennigsen  wurde
1859  der  Nationalverein  begründet,  der  cs  „für  seinen  Beruf  erkannte,  auf  die
Schaffung  einer  einheitlichen  Zentralgewalt  und  eines  deutschen  Parlaments  mit  allen
gesetzlichen  Mitteln  hinzuwirken,  und  zwar,  wenn  cs  die  Macht  der  Verhältnisse  so
mit  sich  brächte,  zunächst  ohne  die  deutschen  Teile  Österreichs".  Ein  Jahr  zuvor  war
der  „Kongreß  Deutscher  Volkswirte"*)  zusammengetreten,  der  sein  Absehen  vornehmlich
auf  die  wirtschaftliche  Einigung  Deutschlands  richtete  und  zwei  Jahrzehnte  hindurch
erfolgreich  auf  diesem  Gebiete  gewirkt  hat.
Anfänge  für  eine  solche  Einigung  waren  wohl  schon  vorhanden.  Das  Band
des  Zollvereins  umschloß  die  große  Mehrzahl  der  deutschen  Staaten;  mit  Österreich
war  am  19.  Februar  1853  ein  neuer  Vertrag  zustande  gekommen,  durch  welchen  sich
beide  Teile  gegenseitige  Verkehrserleichterungen  zusicherten,  und  in  dem  sogar  Verhandlungen ­
  über  eine  künftige  Zolleinigung  in  Aussicht  gestellt  wurden.  Noch  vor  der
Bewegung  von  1848  war  in  Leipzig  die  Allgemeine  Deutsche  Wechselordnung  geschaffen
worden,  und  am  12.  März  1861  hatte  die  auf  Beschluß  des  Bundestags  vom
18.  Dezember  1856  in  Nürnberg  niedergesetzte  Kommission  zur  Beratung  eines
Allgemeinen  Deutschen  Landclsgesctzbuchs  ihre  Schlußsitzung  gehalten.  Weniger  günstig
stand  es  auf  anderen  Gebieten.  Die  Postverwaltung  lag  für  die  kleineren  Staaten
noch  in  den  Länden  des  fürstlichen  Laufes  Thurn  und  Taxis;  von  einheitlichen  Einrichtungen ­
  war  wenig  zu  spüren.  Das  Telegraphenwesen  befand  sich  überhaupt  noch
in  den  Anfängen  seiner  Entwickelung.  Den  Bau  von  Eisenbahnen  hatten  seit  den
dreißiger  Jahren  Aftiengesellschaften  begonnen  und  rührig  fortgesetzt,  daneben  waren,
zunächst  in  den  Mittelstaaten,  allmählich  auch  Staatsbahnen  entstanden;  die  Gesamt-*)
  Über  den  Kongreß  Deutscher  Volkswirte  s.  den  Aufsatz  von  Viktor  Böb  inert  S.  27—50.
            
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