Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

310 Zweiter Teil. Handel. XV. Amtliche Handelsvertretungen. 
Auf dem Handelstage selbst waren 86 Handelsvorstände, darunter 6 österreichische 
— Brünn, Olmütz, Prag, Reichenberg, Triest und Wien — vertreten; aus 3 Städten 
waren je 2 Körperschaften oder Vereine vertreten. Die Zahl der Vertreter betrug 
195. Zum Vorsitzenden wählte die Versammlung Hansemann (Berlin), zu stellver 
tretenden Vorsitzenden Ritzhaupt (Heidelberg) und Wertheim (Wien). 
Aus der gehaltvollen Rede, mit welcher im Namen und Auftrag des Großherzogs 
der Präsident des badischen Handelsministeriums, Geh. Rat Weizel, die Versammlung 
begrüßte, mögen zwei Stellen hier Platz finden: 
„Ein reiches Gebiet der Tätigkeit liegt vor Ihnen; Sie werden ihre Aufgabe 
lösen, weil Sie derselben sich klar bewußt sind. Wohl werden sich auch Ihnen große 
Schwierigkeiten in den Weg stellen, denn wo es sich um Interessen handelt, liegt der 
Widerstreit derselben sehr nahe. Eine ruhige und objektive Vorprüfung aller wichtigeren 
Fragen, ein offener gegenseitiger Austausch der Überzeugungen wird aber wohl manches 
Vorurteil, manches Mißverständnis und vorgefaßte Meinungen beseitigen und auf eine 
Übereinstimmung der Ansichten hinwirken. And wo dies oft kaum erreichbar erscheint, 
da wird die Liebe zum gemeinsamen großen Ganzen der Leitstern sein, der Sie den 
rechten Weg führt. So werden gewiß die Interessen des deutschen Handelsstandes 
eine Vertretung finden, der es an Erfolg nicht fehlt." 
„Lassen Sie mich aber noch eine weitere und wohl von allen die schönste Hoffnung 
aussprechen, die ich an den Bestand und das Gedeihen des Handelstages so gerne 
geknüpft sehen möchte. Mit vieler Mühe, großer Beharrlichkeit und Überwindung der 
mannigfaltigsten Schwierigkeiten wurde eine größere Einigung der deutschen Staaten 
aus vielen Gebieten der materiellen Interessen erreicht. Möchten diese Erfolge, die in 
Ihnen einen wesentlichen Stützpunkt haben werden, dazu führen, daß das deutsche 
Vaterland auch in politischer Beziehung zu größerer Einigung gelange, und daß ihn: 
diejenigen Einrichtungen zu teil werden, welche die Bedingungen seiner Kraft und 
Größe sind." 
Ein gutes Zeichen für den in der Versammlung herrschenden Geist war die sofortige 
Genehmigung des Entwurfs der Geschäftsordnung. Zum Berichterstatter über bett 
Entwurf der Satzung war von der Vorkommission dessen Verfasser Dr. Hermann 
Weigel, Sekretär der Handelskammer Breslau (nachmals Obcrgerichtsanwalt und 
Vizebürgermeister in Kassel und Mitglied des Reichstags), ernannt worden, der sich 
schon vorher durch eine Denkschrift um das Zustandekommen des Handelstages verdient 
gemacht hatte. 
üm die Mittagsstunde des 14. Mai wurde der Entwurf mit den beschlossenen 
Änderungen im ganzen in namentlicher Abstimmung einstimmig — nur Reichenberg 
enthielt sich der Sümme — angenommen. Die sonach vollzogene Begründung des 
Handelstages wurde mit allgemeinem Beifall begrüßt.
	        
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