Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Dritter Teil. Industrie. 
das Unternehmen von einer Hierarchie von Beamten beherrscht, die mit größerer oder 
geringerer Selbständigkeit entscheiden und von der obersten Spitze nur allgemeine 
Direktiven empfangen können. Die richtige Dezentralisation der Teile des Betriebes 
vorzunehmen, die Verbindung der einzelnen Teile sicherzustellen, die Persönlichkeiten 
richttg auszuwählen und eine Übereinstimmung der Leistung des Gesamtbettiebes mit 
den Bedürfnissen des Marktes und den erhaltenen Aufträgen herbeizuführen, ist nun 
mehr Aufgabe der obersten Spitze des Unternehmens, dessen Träger auch dem technischen 
und kaufmännischen Teil der einzelnen Betriebsanstalten fernesteht. 
Diese Entwicklung größerer Industrien von der einfachen Fabrik bis zu der eine 
einzige Großunternehmung darstellenden Fabrikstadt hat nicht nur die ursprüngliche 
handwerksmäßige Produktton wesentlich beeinflußt, sondern auch neue Bedingungen für 
die wirtschaftliche und soziale Lage der industriellen Arbeiter geschaffen. Die Fabriken 
haben die gewerbliche Arbeiterschaft in großer Menge an den industriellen Mittel- 
punkten konzentriert, haben sie strengen und vielfach ungünstigen Arbeitsbedingungen 
unterworfen, haben das Wohl und Wehe zahlreicher Familien an das Gedeihen einer 
einzelnen Unternehmung gebunden, und überall da, wo sie von der Produktton Besitz 
ergriffen haben, haben sie das Arbeitsverhältnis für die Arbeitenden zu einen, dauernden 
gemacht, von dem ein Übergang zur Llnternehmcrstellung in, gleichen Betrieb nicht 
möglich ist. Sie haben endlich durch das Zusammenziehen großer Arbeitermassen, die 
in gleichartigen, wenig günstigen Verhältnissen leben, die Armut gehäuft und sichtbar 
zun, Ausdruck gebracht. Diese Entwicklung ist nach zwei Seiten bedeutsam geworden. 
Einmal sind dadurch neue Probleme hervorgerufen worden, welche einesteils den 
Bedingungen der Arbeit in den Fabriken und ihrer Rückwirkung auf die Gesundheit, 
das geistige und sittliche Leben der Arbeiterschaft, anderenteils dem Zusammenleben 
großer Mengen von wirtschaftlich dürftigen Personen in städtischer Nachbarschaft ent 
sprangen. Sodann hat die Vereinigung der Vielen, die Gleichartigkeit der Lebens 
bedingungen und die soziale Isolierung, in der sie inmitten der großstädtischen Gemein 
wesen dastehen, das Selbstbewußtsein der gewerblichen Arbeiterschaft und das Verlangen 
geweckt nach Fortentwicklung der Gesellschaft zu einer für sie günstigen Organisation 
unter ihrer tätigen Mitwirkung. Nicht wie auf dem Lande besteht in den industriellen 
Mittelpunkten eine soziale Gemeinschaft, in welcher den nichtbesitzenden Arbeiter eine 
große Anzahl von Mittelgliedern mit dem großen Besitzer verbindet, in schroffer 
Trennung stehen sich die Massen der nichtbesitzendcn gewerblichen Arbeiter und die 
wenigen Unternehmer und Besitzenden gegenüber. Dadurch sind die Fabriken nicht 
nur für die Produktionsorganisation, sondern für die ganze gesellschaftliche Organisation 
der Städte und weiterhin der Volkswirtschaft überhaupt von Bedeutung geworden. 
4. Mein Anteil an der Deutschen Patentgesetzgebung. 
Von Werner v. Siemens. 
v. Siemens, Lebenserinnerungen. 7. Aufl. Berlin, Julius Springer, |jo% S. 258—26( 
und S. 279. 
Obwohl ich der politischen Tätigkeit seit dem Jahre 1866 gänzlich entsagt hatte, 
wendete ich den öffentlichen Angelegenheiten doch fortgesetzt rege Teilnahme zu. Eine 
Frage, der ich schon früher besonderes Interesse gewidmet hatte, war die des Patent 
wesens. Es war mir längst klar geworden, daß eines der größten Lindernisse der 
freien und selbständigen Entwicklung der deutschen Industrie in der Schutzlosigkeit der
	        
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