Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

5.  Die  örtliche  Verteilung  der  einzelnen  Industriezweige.  321
Kohlenreichtum  von  60000  Millionen  1  umfaßt.  Dort  werden  jährlich  45  Millionen  1
Kohlen  im  Werte  von  über  300  Millionen  Mark  gefördert,  was  nicht  weniger  als
150000,  d.  h.  zwei  Drittel  sämtlicher  im  deutschen  Kohlenabbau  beschäftigten  Bergleute
beansprucht.  An  die  Kohlenwerkc  reihen  sich  daselbst  unzählige  Eisenschmelzen,  Walzwerke,
  Lammerwcrke  und  Eisengießereien  an;  in  ihrer  Vereinigung  bieten  sie  das
Gesamtbild  einer  Metallindustrie,  die  über  mehr  als  200000  Arbeitskräfte  verfügt.  —
Die  beiden  anderen  großen  Kohlenbecken  liegen  bei  Oppeln  (Schlesien)  und  Saarbrücken.
In  Schlesien  fördern  58000  Personen  jährlich  22  Millionen  t  Steinkohlen  im  Werte
von  126  Millionen  Mark,  an  der  Saar  32000  ca.  9  Millionen  1  im  Werte  von
80  Millionen  Mark.  Auch  an  diese  beiden  Kohlenreviere  schließt  sich  eine  mächtige
Eisenindustrie  an.  Die  Eisenverarbeitung  blüht  außerdem  im  Thüringer  Wald  und
im  Erzgebirge.
Deutschlands  Bergbau,  Salinen-  und  Küttenwesen,  worin  insgesamt  482  000  Personen ­
  beschäftigt  sind,  geben  einen  Ertrag  von  fast  IVa  Milliarden  Mark  oder  das
Dreifache  von  dem,  was  Frankreich  aus  seinen  Bodenschätzen  gewinnt.
In  der  Eisen  Verarbeitung  hat  namentlich  die  Fabrikation  von  Maschinen,
Geschützen  und  Gewehren,  Messern  und  Kleineisenwaren  einen  Weltruf.  Die  Lauptplätze
  für  den  Maschinenbau  sind:  Chemnitz,  Magdeburg,  Stettin,  Lamburg,  Flensburg,
Deutz,  Diisseldorf,  Aachen,  Breslau,  Berlin,  Lannover,  Kassel,  Nürnberg,  München,
Augsburg,  Eßlingen,  Stuttgart-Berg,  Karlsruhe,  Straßburg,  Mülhausen  i.  E.,
Mannheim.  Das  Lauptgcbiet  der  Eisenindustrie  im  eigentlichen  Sinne  ist  Rheinland-Westfalen.
  Lier  ist  die  Teilung  der  Arbeit  auch  örtlich  durchgeführt.  Solingen  z.  B.
ist  Lauptplatz  für  Schmiedwaren,  Iserlohn,  Aachen  und  Remscheid  für  Draht  und
Nadeln,  Essen  für  die  Gußstahlfabrikation  und  Geschützgießerei.  (Krupp  allein  beschäftigt
40000  Arbeiter.)*)
Neben  der  Kohlen-  und  Eisenindustrie  bildet  das  dritte  Lauptgewerbe  die
Textilindustrie.**)  Sie  ist  in  Deutschland  nicht  minder  bedeutend.  Die  Lauptsitze
befinden  sich  im  Elsaß,  in  Schwaben,  Oberfranken,  in  der  Rhcinprovinz,  in  Sachsen,
Brandenburg  und  Schlesien.  Von  den  beiden  ältesten  Zweigen  der  Industrie  ist  die
Lcinenweberei  vorzüglich  im  Riesengebirge,  der  Lausitz,  in  Westfalen  (Bielefeld,
Osnabrück)  und  auf  der  Schwäbischen  Alb,  die  Wollweberei  —  zum  Teil  in  Anlehnung
an  die  Schafzucht  —  hauptsächlich  in  Lannover  und  Westfalen,  in  der  Rheinprovinz
und  in  Sachsen,  Brandenburg  und  Schlesien  zu  Lause.  Zu  diesen  beiden  Zweigen
trat  Ende  des  18.  Jahrhunderts  die  Baumwollweberci  hinzu,  mit  dem  Lauptsitz  in
Elsaß-Lothringen,  Schwaben,  Sachsen  und  in  den  Rheinlanden  (Wuppertal).  Die
Zeugdruckerci  ist  in  Sachsen,  Brandenburg,  im  Ober-Elsaß  und  im  badischen  Wiesental
stark  vertreten.  —  Einen  Weltruf  genießen  Krefelds  Seidensammte,  die  Aachener  Wollwarcn,
  Berlins  Konfektionsartikel,  die  Plaucner  Stickereien,  die  Tuche  von  Greiz  und
Gera,  Aachen,  Kottbus  und  Lirschberg.  Welche  Bedeutung  den  einzelnen  Standorten
der  Texttlindustrie  für  den  Export  zukommt,  ergibt  sich  aus  einem  Blick  auf  die  Exportziffern, ­
  z.  B.  der  amerikanischen  Konsulate.  Lier  steht  obenan  Berlin,  es  folgen
Breslau,  Chemnitz,  Leipzig,  Plauen,  Glauchau,  Annaberg,  Zittau,  dann  Braunschweig,
Frankfurt,  Stuttgart,  Lannover,  Guben.
*)  Nach  der  Aufnahme  vom  April  (90$  betrug  die  Gesamtzahl  der  auf  den  Kruppschen
Merken  beschäftigten  Personen  einfchl.  9190  Beamten:  95289.  Dem  diesen  entfallen  auf  die
Gußstahlfabrik  Essen  25  09t,  das  Grufonwerk  in  Buckau  5529,  die  Germaniawerft  in  Kiel  28U,
Me  Kohlenzechen  7877,  die  küttenwerke,  Schießplatz  Meppen  usw.  622t.  Jahresbericht  der
Isandelskammer  für  den  Kreis  Essen.  >>902.  Teil  II.  Essen,  Druck  von  M.  Girardet,  >90».
S.  22.  —  G.  M.
**)  s.  den  Aufsatz  desselben  Derfassers  über  „Die  Textilindustrie".  S.  222—226.  —  G.  ITT.
Mellst,  Veltswirtschaftliches  Lesebuch.  21
            
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